In der Mehrzahl der deutschen Medien – Nachrichtenmedien wie Zeitungen und Newsportale im Internet, aber auch Fachzeitschriften im Agrar- und Jagdbereich – gibt es bedauerlicherweise beinahe nur eine Sichtweise auf den Wolf: die des unersättlichen Prädadoren, der den Wohlstand (und mitunter sogar das Leben) des Menschen bedroht.
Über die Entwicklung der Medien in Deutschland – insbesondere der Nachrichtenmedien – ist im Hinblick auf die vergangenen drei Jahrzehnte viel zu sagen. In aller Kürze: Der zunehmende wirtschaftliche Druck auf Verlage und Medienhäuser hat während dieser Zeitspanne zu erheblichen Qualitätsverlusten geführt, die aktuell immer offenkundiger werden. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Redaktionen wurden knapp um die Hälfte der Mitarbeitenden geschrumpft, die Digitalisierung zwingt Redakteure, parallel für Print- und digitale Produkte zu arbeiten, wobei in vielen Verlagen noch immer Print im Mittelpunkt steht und deshalb die häufig gleichen Inhalte mehrfach reproduziert werden. Und auch deshalb bringen Informationsangebote im Netz letztlich selten rentable Erlöse.
Mord, Blut und Totschlag im Grünen
Kein Wunder also, dass Schauermärchen über den Wolf Hochkonjunktur haben. Geschichten über den Beutegreifer reihen sich nahtlos im „Blaulicht“segment der Meldungsspalten ein. Damit kann man immerhin nach den Regeln des Clickbaiting Klickzahlen und die Reichweite erhöhen und den Skandal-Voyeurismus der Newskonsumenten bei Laune halten.
Wenn Haustiere zu Tode kommen, die häufig als Familienmitglieder gewertet werden und mit „ihren“ Menschen eine enge Verbindung haben, ist das eine Tragödie. Deshalb ist die Meldung vom 20. August 2015 in der „BILD“ tatsächlich: traurig. Interessant aber ist die Tonlage: „Wietze – Tierdrama in Wietze im Landkreis Celle! In den südlichsten Ausläufern der Lüneburger Heide in Niedersachsen hat offenbar ein Wolf einen kleinen Chihuahua getötet.“ Wenn das keine Klicks, gehörig Mitgefühl und Wut auf den Wolf bringt! Und, natürlich: „Mitten in Deutschland“, in einem Land also, dass bis vor kurzem noch als sicher galt. Dabei können (in nicht wenigen Fällen) auch nicht-wölfische, sondern Hunde als Übeltäter ausgemacht werden. So heißt es zehn Jahre später auf der Website des NDR (01.04.2025): „In Hildesheim hat ein Hund den Chihuahua eines Siebenjährigen angegriffen. Der Junge konnte das Tier nur noch tot nach Hause bringen. Von dem angreifenden Hund fehlt jede Spur – ebenso von seinem Besitzer.“
„Wolf fällt Mann auf Friedhof an“ meldet die „BILD“ am 28. November 2018. Wie üblich bei der Boulevardzeitung wird im Anlauftext unter dieser wunderbaren Headline dann aber noch ein „offenbar“ eingeschoben und es heißt: „In Niedersachsen hat offenbar ein Wolf einen Mann angegriffen.“ Focus Online weiß es (offenbar) aber noch genauer und titelt am Tag danach: „Blutiger Angriff: Auf Friedhof: Wolf beisst Mann in den Unterarm!“ Nachdem die Meldung in unzähligen Postillen der Republik nachgedruckt und mit dem dpa-Symbolbild eines zähnefletschenden Wolfes garniert wurde, notierte „DER SPIEGEL“ am 4. Dezember 2018: „In Niedersachsen hat ein Friedhofsgärtner behauptet, von einem Wolf gebissen worden zu sein. Nun konnten Forscher nachweisen: Der Wolfsbiss war wohl keiner.“ Da wird doch wohl der Hund in der Pfanne verrückt (denn zuvor war er laut BILD ja vom Mann gebissen worden…)
Diese Meldung nimmt den Vorfall, bei dem offenbar ein Wolf einen Chihuahua getötet hatte, noch einmal auf und stellt einen Zusammenhang mit drei Jungwölfen eines Rudels in der Lüneburger Heide her. „Nordwölfe“: das Wort klingt nach, vibriert so richtig im Gedächtnis und assoziiert mit der Vorstellung von reissenden Bestien in klirrendem Frost. Interessant ist der nachgeschobene Beitrag in der „BILD“ aber auch wegen seines finalen Ratschlags an alle Spaziergänger: „Wer einem Wolf begegnet: ruhig bleiben und sich langsam zurückziehen!“ Soweit, so gut. Dazu rät der bekannte Naturfilmer Andreas Kieling auch bei der Begegnung mit Wildschweinen. Dass ein Jäger und Landwirt aus Lauenburg, ehrenamtlich auch als Wolfsberater tätig, allerdings auch dazu rät, „sich nicht einkreisen zu lassen“, klingt nach einem Horror-Movie.
Dieser Fall ist etwas anders gelagert, wirft aber ein bezeichnendes Licht auf die Integrität der „Berichte“, die über Wölfe lanciert werden. holzhau.de ist die Website des Ortsteils Holzhau der Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle im Osterzgebirge. Hier wurde am 3. Februar 2023 die interessante Analyse eines 30-sekündigen Videos, das angeblich 14 Wölfe bei Altenberg zeigen sollte, publiziert. Weiter heißt es: „Seit Tagen geistert ein Gerücht durch das Erzgebirge. Eine Wildkamera habe (…) ein größeres Wolfsrudel aufgenommen. Erzgebirgische Jäger hatten das Video sogar im Whatsapp-Status veröffentlicht. Schnell kamen Diskussionen über die Bejagung des Wolfes auf. Die Reduzierung der Wolfsbestände sei notwendig, wenn es schon jetzt so viele Wölfe im Erzgebirge gäbe. Seit Freitag Morgen liegt das Video endlich bei der holzhau.de-Redaktion vor. Es wurde uns über die sozialen Netzwerke aufs Smartphone geschickt und soll „bei Altenberg“ aufgenommen worden sein. In 30 Sekunden laufen 14 Wölfe im Gänsemarsch an der Kamera vorbei. Die Bilder sind faszinierend. (…) Wir haben das Video in Einzelbilder zerlegt und die Frames durch Bildersuchmaschinen im Internet laufen lassen. Schon nach wenigen Minuten war klar: Das Video ist eine Fälschung. Es wurde nicht „vor kurzem im Osterzgebirge aufgenommen“. Ein Twitter-Nutzer namens „Tommy“ (@mrtom101) aus Kalifornien hat das Video schon am 11. Dezember 2022 in den sozialen Netzwerken veröffentlicht. „Tommy“ nutzt das Wolfsvideo nicht für eine Sensationsberichterstattung, sondern als Illustration einer Lebensweisheit. Er schreibt: „It is your road, and yours alone. Others may walk it with you, but no one can walk it for you“ oder auf Deutsch „Es ist dein Weg und nur deiner. Andere mögen ihn mit dir gehen, aber niemand kann ihn für dich gehen“. Wofür Wölfe in Medien alles herhalten müssen!
Der „Blick“ ist ein deutschsprachiges Schweizer Boulevardblatt, das auch als „Schweizer BILD-Zeitung“ bezeichnet wird. Am 15. September 2024 erschien ein Bericht über die Toggenburger Schwestern (9 und 11), die um „Zilli“ trauern, eine Ziegengeiss, die von einem Wolf gerissen wurde. Unter der Headline „Der Wolf hat unsere Lieblings-Geiss getötet“ heißt es weiter: „Elisabeth (9) und ihre Schwester Barbara (11) waren über den Sommer auf der Wolzenalp im Toggenburg. Ihre Geiss Zilli wurde auf der Alp zerfleischt und gefressen – der Wolf hat sie getötet. Eltern und Aktivisten fordern Massnahmen.“ Abgesehen von der reisserischen Aufmachung und Stimmungsmache in der Tonlage des Berichts, ist der Schmerz eines Kindes über den Verlust eines geliebten Tieres mehr als verständlich. Auch diesen Schmerz journalistisch zu thematisieren, ist völlig in Ordnung. Etwas anderes ist es, ein Video mit der Zeile „Elisabeths (9) Geiss ist tot: „Ich hoffe, dass der Wolf stirbt“ zu unterlegen. Im Video, in dem das Kind zu Wort kommt, ist das Zitat nicht zu hören. Aber eventuell versteht man als Deutscher die Schweizer Mundart nicht korrekt…
Da Hofa woa's, vom Zwanzgahaus, der schaut ma so vadächtig aus.
Wolfgang Ambros, Österreichischer Liedermacher, 1972
Die Berichterstattung über den Wolf erinnert nicht selten sn einen Song über Sündenböcke und Vorurteile des österreichischen Liedermachers Wolfgang Ambros aus dem Jahr 1972: „Da Hofa woa’s, vom Zwanzgahaus, der schaut ma so vadächtig aus.“ Dass die Beutegreifer bei Gelegenheit und schlechtem oder fehlendem Herdenschutz Schafe und Ziegen nicht verschmähen, ist bekannt. Dass sie es aber auch auf Kängurus in städtischen Zoos abgesehen haben, ist neu. Trotzdem wurde die Meldung von Zeitung zu Zeitung „weitergereicht“ obwohl es hie und da heißt, dass genetische Beweise fehlten. So entstehen Legenden, und zum „Mythos Werwolf“ ist es nicht mehr weit.
Auch hier geht es um die offensichtliche Fälschung der Sichtung eines Wolfsrudels. Dabei kommt der Website-Redaktion des NDR das Verdienst zu, genauer hingeschaut – und nicht reflexartig Horrornachrichten über die Beutegreifer veröffentlicht zu haben (wie für gewöhnlich leider üblich). So heißt es am 7. Dezember 2024 unter der Headline „Viele Orte, viel Fake: Auf Spurensuche nach einem Wolfsrudel“: „In sozialen Medien teilen Nutzer das Video eines Wolfsrudels. Es schürt Ängste. Mal soll es in Schleswig-Holstein aufgenommen worden sein, mal in Niedersachsen, mal in Polen. Eine Spurensuche.“ Und weiter: „Das Video im Internet zeigt 13 Tiere in der Nacht. Wir finden das Video in einer schleswig-holsteinischen WhatsApp-Gruppe, dazu die Ortsmarke ‚Wildkamera in Fredesdorf‘. Das liegt im Kreis Segeberg. Eine Gegend ohne viel Wald in der Landschaft ‚Barker Heide‘ – also eine Umgebung, in der Wölfe nicht unbedingt bleiben. Nachdem die Sorge von Weidetierhaltern beschrieben wurde, steht unter dem Zwischentitel „Ein Video – und viele angebliche Aufnahmeorte“ weiter zu lesen: „Am 24. September 2024 wurden die Wölfe auf der Plattform reddit hochgeladen – und das mit dem Zeitstempel 9. Mai 2024. Am 2. November werden dieselben Wölfe angeblich im Oberwesterwald (Rheinland-Pfalz) gesichtet, gleichzeitig in Polen, was man an dem polnischen Text gut einordnen kann. Am 3. November 2024 streifen dieselben Wölfe vermeintlich durch lettische Wälder. Am 15. November ordnen Nutzer das Wolfsrudel in türkischer Sprache wieder in Deutschland ein. Fazit: Von interessierter Seite (Lobbyverbände, Akteure in Politik und Agrarwirtschaft) wird Schindluder mit angeblichen Wolfssichtungen getrieben, die die Gesellschaft verunsichern sollen. Nur wenige Medien (wie in diesem Fall der die Redaktion der NDR-Website), machen sich noch die Mühe, ihrem eigentlichen Auftrag nachzukommen: für Klarheit und Wahrheit zu sorgen.
Die Aufregung am 15. Dezember 2023 im Elbe-Elster-Kreis war riesengroß: „Schwere Verletzungen“ in der Topline und „Mann aus Elbe-Elster nach möglichem Wolfsangriff im Krankenhaus“ als Headline. Klar, was Leser und Hörer in den Text hineinzieht, sind die drei Worte „nach möglichem Wolfsangriff“. Dass die Mutmaßung nach einer Woche zurückgezogen werden musste, na ja, der „mögliche Wolfsangriff“ ist jedenfalls in der Welt. Und, damit man journalistisch auf Nummer Sicher geht, heißt die Headline der korrigierten Meldung: „Angreifendes Tier in Elbe-Elster war kein Wolf, sondern ein Hund“. Der (böse) Wolf verblieb in der Headline. Clever!
„Eine Gefahr für Mensch und Tier“: Angst- und Panikmache auch in der NZZ. Falls es nicht gegen Asylanten geht, tun es auch die Wölfe. Der Ton des „Berichts“ lässt tief blicken: „Am 2. Juni hatte die SVP Schwyz genug. In einem Communiqué kritisierte sie das kantonale Umweltdepartement scharf. Die Beamten würden die bestehende Abschussbewilligung für einen männlichen Wolf in der Region Ausserschwyz nicht umsetzen. Das Raubtier hatte sich in der Vergangenheit in der Nähe von Siedlungen und Bauernhöfen aufgehalten. Dies stelle ‚eine Gefahr für Mensch und Tier‘ dar, schrieb die Partei auf ihrer Website.“
Natürlich kann man den Vorwurf erheben, dass die Bewertung der Medien, die der Autor vornimmt, einseitig und unausgewogen sei. Sie ist es nicht, weil ich mir schon über längere Zeit einen Eindruck über die „Wolfsberichterstattung“ der Medien in Deutschland, Österreich und der Schweiz mache sowie auch über Google Alerts gezielt nach dem Thema Wolf suche und beinahe täglich mehrere Links zu Beiträgen geliefert bekomme. Richtig ist gleichwohl, dass ich keine strukturierte und repräsentative Analyse der Medieninhalte durchgeführt habe, sondern hier meinen ganz persönlichen Eindruck wiedergebe.
Bachelorarbeit im Fachbereich Agrarwirtschaft
Diese Aufgabe aber hat, ganz ohne mein Zutun und bis vor kurzem ohne meine Kenntnis, Luke Tischer, ausgebildeter Landwirt, Jäger und Student an der Fachhochschule Südwestfalen (University of Applied Sciences) zumindest mit Blick auf eine Region erledigt. Tischer legte die von ihm verfasste Bachelorarbeit „Unterschiede und Ähnlichkeiten in lokaler, regionaler, boulevardesker und fachpraktischer landwirtschaftlicher Berichterstattung über Wölfe in NRW von 2012 bis 2024 auf Basis einer strukturierten Medieninhaltsanalyse, Forschungsnotizen des Fachbereichs Agrarwirtschaft Soest“ bei Prof. Dr. Marcus Mergenthaler vor, Experte für Agrarökonomie und Marketing.
Die von Tischer zusammengetragenen Ergebnisse sind belastbar, weil sie erstens auf Grundlage einer handfesten wissenschaftlichen Methodik durchgeführt wurden und zweitens den großen Zeitraum von 2012 bis 2024 beleuchten. Wie der Soester-Anzeiger am 17. Juni 2025 berichtet, hatte sich der damals angehende Agrarökonom bereits im Vorjahr vorgenommen, dass eine Medienanalyse zur Berichterstattung über Wölfe das Thema seiner Abschlussarbeit im Fachbereich Agrarwirtschaft werden sollte, weil ihn die mediale Spiegelung der Rückkehr der Beutegreifer nach Europa interessierte.
Die Studienergebnisse wurden überprüft
Wie im Soester-Anzeiger über die Methodik der Untersuchung nachzulesen ist, waren die „Untersuchungsgegenstände (…) neben dem Soester Anzeiger als Lokalzeitung auch ein regionales Medium (Westfalenpost), eine Boulevardzeitung (Bild) und ein Fachmedium (Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben). ‚Ich suchte online mit bestimmten Suchwörtern nach Berichten‘, schildert Luke Tischer sein Vorgehen. Das Ergebnis: 84 Printartikel von 2012 bis 2024, die es nicht nur zu lesen, sondern auch nach Artikelumfang, Veröffentlichungsdatum, Medium und Themenschwerpunkten von Sichtung, Übergriff, Politik und Konflikt Landwirtschaft bis zu sonstigen Aspekten zu ordnen galt. ‚Am Ende gab ich die Arbeit auch eine externe, neutrale Person zur Überprüfung der Tenor-Bewertung nach der methodischen Anleitung. Nur bei fünf Einordnungen waren wir uns uneinig.’“
Berichterstattung im landwirtschaftlich-fachlichen Medium: ausgeprägt negativ und mit Fokus auf Konflikte und Schäden
Die methodische Herangehensweise, die wichtigsten Ergebnisse und ihre Diskussion können hier ausführlicher nachgelesen werden. Eine der wichtigsten Passagen in der Darstellung der Ergebnisse möchte ich jedoch zitieren: „Die Ergebnisse der Medieninhaltsanalyse verdeutlichen, dass sich die Berichterstattung über den Wolf insbesondere im boulevardesken Medium und im landwirtschaftlich-fachlichen Medium im Hinblick auf den Tenor auffällig ähnelt. Entsprechend den unterschiedlichen Zielgruppen werden zwar verschiedene Themenschwerpunkte gesetzt, beide Medien zeichnen sich jedoch durch eine stark negative Berichterstattung aus. Darstellungen in positivem Tenor fehlen im Boulevard- und Fachmedium vollständig. Diese Parallele ist überraschend, da das fachliche Medium mit Nähe zur landwirtschaftlichen Praxis eine ausgewogenere Darstellung erwarten ließe, als die eher erwartbare aufmerksamkeitsgenerierende negative Darstellung in einer Boulevardzeitung. Die ausgeprägte negative Ausrichtung zeigt einen Fokus, der vor allem Konflikte und Schäden in den Vordergrund stellt, während potenzielle Lösungsansätze wie Herdenschutzmaßnahmen oder gelungene Beispiele der Koexistenz zwischen Wolf und Weidetierhaltung kaum thematisiert werden.“
Eine zweite wissenschaftliche Arbeit über die Rolle des Wolfs in der Medienberichterstattung hatte dagegen einen konkreten Anlass und war bereits sehr viel früher als die Untersuchung von Luke Tischer erschienen. So verfasste Angelika Zahn, eine Studentin im Fachbereich Medien / Kommunikation an der Universität Regensburg, ihre Magisterarbeit über die mediale Berichterstattung nach dem Ausbruch von drei Jungwölfen aus einem Gehege des Nationalpark Bayerischer Wald im April 2002. buecher.de zitiert aus der Einführung der Magistra:
„Über die lokale Presse kommen zwei Versionen über die Flucht in Umlauf: So wird von einer Schwachstelle im Betonfundament des Zaunes berichtet, wo sich die Wölfe hindurchbuddeln konnten, zum Teil wird sogar davon gesprochen, dass sie den Zaun aufgebogen hätten oder dass sie bereits Monate vor dem Ausbruch dabei beobachtet wurden, wie sie an besagter Stelle am Zaun herumgespielt haben und dadurch ein Loch entstanden ist. Es bildeten sich nach kürzester Zeit so etwas wie Legenden um den Ausbruch. Zunächst ist noch nicht davon die Rede, die Tiere abzuschießen. Am 21.4.2002 gelingt es, einen der Wölfe mit einem Narkosepfeil zu betäuben und wieder einzufangen. Noch am 23.4. verkündet die Nationalparkleitung: ‚Die Flüchtlinge zeigen keine größere Scheu oder gar Aggressivität. Sie verhalten sich wie Kinder, sind abenteuerlustig, halten aber respektierlichen Abstand zum Menschen.‘ Doch ab dem 6.5. wird plötzlich über einen Abschuss nachgedacht, denn der Nationalpark war unter Zeitdruck und Handlungszwang geraten, am Verhalten der Wölfe hatte sich jedoch nichts geändert. Schließlich wird am 10.6. einer der noch flüchtigen Wölfe erschossen, am 19.6. der zweite. Dieser Ausbruch verursachte einigen Wirbel bei der Presse und der Bevölkerung vor Ort. Während einige Berichte ein positives Wolfsbild zeichneten und sich gegen einen Abschuss aussprachen, stellten andere den Wolf als gefährliche, unberechenbare Bestie dar. Auf dieses differente Wolfsbild, dass über die Jahrhunderte hinweg existiert, sowie auf den Wahrheitsgehalt von Mythen rund um den Wolf will ich nun näher eingehen, bevor ein Artikel von Boris Bürgel, eines Mitglieds der Initiative zur Abschaffung der Jagd, der ein durchwegs positives Bild vom Wolf vermittelt, analysiert wird.“
Immer die gleichen Verschwörungstheorien, Mythen und Legenden…
In einer Beschreibung des GRIN-Verlags zum Buch ist in einem Auszug zum Thema „Das Märchen vom bösen Wolf – was ist dran?“ das Folgende zu lesen: „Vor hundert Jahren galten die Gräuelmärchen über den Wolf noch als allgemein gesicherte Wahrheit. Zu dieser Zeit setzte eine amerikanische Zeitung einen Preis von 100 Dollar aus, für denjenigen, der den Angriff eines gesunden, wild lebenden Wolfes auf einen Menschen beweisen konnte. Das Preisgeld konnte bis heute nicht abgeholt werden. Dies spricht für sich!
Einige berühmt-berüchtigte Geschichten über blutrünstige Wölfe sind in den USA sehr populär: So kann die Erzählung, nach der Wölfe eine Kutsche überfallen haben und den Kutscher und seine Pferde gefressen haben sollen, schon zum Volksgut gerechnet werden. Ein unglaublicher Variantenreichtum und angebliche Augenzeugen halten diese lebendig. 1911 wurde eine andere Geschichte dieser Art bekannt: ein Zeitungsartikel aus Taschkent berichtete, dass eine Hochzeitsgesellschaft mit 130 Gästen von Wölfen gefressen worden sei. Gegen die Authentizität dieser Story spricht, dass sie schon 1894 bekannt war. Auch hier entwickelten sich interessante Varianten. Tatsächlich ist aber in den USA bis zum heutigen Tage kein Fall nachweislich bekannt, nach dem ein gesunder Wolf einen Mensch vorsätzlich als Beute angegriffen hätte.“
Dass fast nur negativ über Wölfe berichtet wird, macht ja etwas mit den Menschen. Wir hätten wohl keine Probleme, wenn wir keine Migranten und keine Wölfe hätten.
Ilka Reinhardt, LUPUS Institut für Wolfsmoitoring und -forschung Deutschland
Die Propaganda in den vergangenen Jahren hat Politiker dazu gebracht, zu denken, wenn sie einen harten Kurs gegen Wölfe fahren, dass sie dann von Leuten gewählt würden, die sie ansonsten nie im Leben wählen würden.
Gesa Kluth, LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung Deutschland
Was in der Schweiz passiert, ist eine Katastrophe: Hier hatte man eine steigende Wolfspoupulation und eine sinkende Risszahl. Das heißt: Es funktioniert, Wölfe und Nutztiere parallel zu halten. Nur zwei Prozent der getöteten Schafe gehen auf Wölfe zurück. Offensichtlich jedoch haben Menschen Angst vor Veränderung.
Dr. Marianne Heberlein, WolfScienceCenter, Österreich
Der Wolf wird eindeutig instrumentalisiert und zu Propagandazwecken missbraucht.
Prof. Kurt Kotrschal, Co-Gründer WolfScienceCenter, Österreich
