Wolfsmonitoring und Herdenschutz

Wolfsmonitoring und Herdenschutz: beide Begriffe gehören zusammen. Besonders deshalb, weil sich die Maßnahmen, die für einen effektiven Schutz von Weidetieren – für gewöhnlich Schafe, Ziegen und Rinder, mitunter auch Pferde – entwickelt werden können, nicht nur von regionalen Rahmenbedingungen abhängen (z. B. Flach- oder Bergland), sondern direkt von Monitoringergebnissen wie Nachweise einzelner Individuen, der Zahl und Stärken von Rudeln, und der Verbreitung.

Dabei ist der mögliche Schutz von Nutztierherden vor den Angriffen potenzieller Prädatoren wie Wölfen das „kriegsentscheidende“ Thema in der Debatte um den Schutz der grauen Beutegreifer. Nur wenn es gelingt, in unseren Kulturlandschaften nachweislich und auf Dauer eine überwiegend friedliche Koexistenz von Wild- und Nutztieren und damit einen Ausgleich zwischen Natur- und Artenschutz einerseits und wirtschaftlichen Interessen andererseits herzustellen, haben Wölfe eine langfristige Überlebenschance.

Wolfsmonitoring nicht nur von wissenschaftlichem Interesse

Denn, wie der Schweizer Wolfsschutzverein CHWolf ausführt, sind alle mit Maßnahmen des Wolfsmonitoring gewonnenen Erkenntnisse „nicht nur von wissenschaftlichem Interesse, sondern auch von naturschutzpolitischer Relevanz und ökologischer Bedeutung. Je mehr man über die Wölfe und deren Verhalten weiß und je besser man ihre momentanen Lebensräume kennt, desto besser kann man auch die Nutztiere in diesen Gebieten schützen“.

Herdenschutzhunde sind in vielen Regionen mit Weidetierhaltung offensichtlich die sicherste Vorbeugung gegen Wolfsattacken. Bild: francescomoufotografo

Was ist Wolfsmonitoring und welche Methoden umfasst es?

Das Landesamt für Umweltschutz (LAU), Sachsen-Anhalt, definiert den Begriff Wolfsmonitoring wie folgt: „Unter Monitoring versteht man die wissenschaftliche Erfassung verschiedener Daten zur Ausbreitung einer Tierart. Im Wolfsmonitoring wird zwischen aktivem und passivem Monitoring unterschieden. Das passive Monitoring findet kontinuierlich auf der gesamten Landesfläche statt. Dabei werden alle anfallenden Beobachtungen und Hinweise (ohne eine gezielte Hinweissuche im Gelände) erfasst, überprüft und bewertet.

Das aktive Monitoring findet auf bekannten, vom Wolf territorial besiedelten Flächen und in Verdachtsgebieten statt, wo eine permanente Besiedlung vermutet wird. Dabei wird eine gezielte Hinweissuche im Gelände durchgeführt, um aussagekräftige Informationen über das jeweilige Vorkommen zu erhalten.

Bei der Datenerfassung für das Monitoring in Sachsen-Anhalt kommen verschiedene Methoden zum Einsatz:

  • Regelmäßige Geländebegehung mit Hinweisaufnahme
  • Einsatz von Wildkameras unter Beachtung der datenschutzrechtlichen Regeln 
  • Genetische Untersuchung von Proben durch externe Institute
  • Nahrungsanalyse

 

Wie es beim Sächsischen Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie heißt, setzt sich das Monitoring „wie ein Puzzlespiel aus vielen verschiedenen Hinweisen zusammen, die einzeln bewertet, interpretiert und dann in das Gesamtbild eingefügt werden müssen“. Zum einen werden Hinweise aus der Bevölkerung gemeldet, zum Beispiel als Berichte über Sichtungen und Spuren oder über das Auffinden toter Tiere. Diese Daten, die unter das passive Monitoring fallen, werden erhoben, ausgewertet und archiviert. Weiter heißt es: „Über Meldungen seitens der Bevölkerung ist man stets dankbar, da diese Informationen wichtig sind. Um möglichst viele Bausteine des Puzzles zu erhalten, ist jedoch auch ein aktives Monitoring notwendig. Dabei werden Daten, z.B. Spuren, Kot, Risse, Markierungen, gezielt und systematisch gesammelt.“

Alle Hinweise, so das Ministerium, werden zusammen ausgewertet mit dem Ziel, Informationen zur Populationsgröße und Vorkommen zu erhalten. Das Vorkommensgebiet bezeichnet die Fläche, auf der ein Wolf nachgewiesen wurde (dabei werden auch Einzelnachweise erfasst, z.B. ein Totfund oder ein Jungwolf auf der Wanderung). Dahingegen handele es sich bei der Populationsgröße um die Verteilung von Territorien und somit der Anzahl von Rudeln, Paaren oder territorialen Einzeltieren.

Damit haben die Fachleute für das „Puzzlespiel“ aber noch nicht alle Einzelteile zusammen: „Zusätzlich bieten Forschungen und Untersuchungen, wie Studien zur Nahrungsökologie, zu Verwandtschaftsverhältnissen und zu Raumnutzung und Migrationsverhalten von Wölfen (Telemetrie) wichtige Detailinformationen über Verhalten, Gesundheitssituation und Ausbreitung der (mitteleuropäischen) Wolfspopulation. Außerdem können genetische, sowie telemetrische Daten wichtige Elemente bei der Unterscheidung einzelner, aneinander grenzender Territorien sein.“

Was es mit Telemetrie auf sich hat, erklären die Experten wie folgt: „Die Radiotelemetrie ist eine in der Wildtierforschung weit gebräuchliche wissenschaftliche Methode zur Gewinnung von Erkenntnissen über Raum-Nutzungsmuster, räumliche Ausbreitung und Lebensweise freilebender Tiere.“ Dazu werden Wölfen unter Betäubung Halsbandsender angebracht. „So kann der Aufenthaltsort des Tieres aus der Entfernung lokalisiert werden, ohne es durch direktes Aufsuchen/Sichtkontakt zu stören. In Sachsen dient die Methode unter anderem zur Ermittlung der Größe, Lage sowie der räumlich-zeitlichen Nutzung eines Wolfsterritoriums bzw. zu dem Abwanderungsverhalten junger Tiere. Sie liefert außerdem Erkenntnisse zu Aktivitäts- und Ruhephasen des besenderten Tieres und ermöglicht einen besseren Einblick in dessen Ernährung, da die Reste gerissener Beutetiere gezielter nachgesucht und zeitnaher dokumentiert werden können.“ Die Methode wird überdies nicht nur zu wissenschaftlichen Zwecken eingesetzt, sondern beispielsweise auch zur Überwachung „verhaltensauffälliger“ Tiere im Rahmen des Wolfsmanagements.

Monitoringsysteme werden nicht freiwillig aufgebaut, sondern sind aufgrund der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie, hier: Art. 11) gegenüber der EU-Kommission verpflichtend. So muss der Erhaltungszustand der in Anhang II und IV im Artikel 2 der FFH – Richtlinie aufgelisteten Arten überwacht werden, um die Entwicklungen alle sechs Jahre an die EU-Kommission berichten zu können. In Deutschland muss aufgrund der Brisanz der öffentlichen Diskussion über Wolfsvorkommen sogar jährlich ein Monitoringreport vorgelegt werden. Wie auf der Unterseite Informationen aus der Wissenschaft im Kapitel „Das sagen Forschende zur Absenkung des Schutzstatus für Wölfe in der EU“ nachzulesen ist, wird der Nachweis über den sogenannten positiven Erhaltungszustand darüber entscheiden, ob Wölfe überall ins Jagdrecht übernommen werden und das Bundesnatur-schutzgesetz geändert wird.

Für die Bundesländer Sachsen und teilweise auch für Brandenburg wurde das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland mit der Aufgabe des Wolfsmonitoring betraut. Wie Gesa Kluth, Co-Gründerin des Instituts, in einem Interview mit dem Autor im Juni 2025 erklärte, gibt es wissenschaftliche Monitoringstandards, die vorgeben, wie die ermittelten Daten ausgewertet werden müssen. „Damit wird eine hohe Qualität differenzierter Daten sichergestellt, auf die wir auch weiterhin bestehen müssen.“

Die Qualitätssicherung der erhobenen Daten im Rahmen des Monitoring erfolgt „in Anlehnung an die SCALP-Kriterien, die im Rahmen des Projektes ‚Status and Conservation of the Alpine Lynx Population‚ (SCALP) für das länderübergreifende Luchsmonitoring in den Alpen entwickelt wurden“, wie die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) mitteilt. Auf der Website der DBBW heißt es dazu: „Die SCALP-Kriterien wurden für Wolf und Bär weiterentwickelt und an die Gegebenheiten in Deutschland angepasst. Dazu werden die drei Kategorien C1, C2 und C3 vorgegeben, wobei der Buchstabe C steht für Kategorie (Category) steht und die Ziffern 1 – 3 die Überprüfbarkeit von Hinweisen definieren.“

Welche Umstände bezeichnen die jeweilige Kategorie konkret? Dazu heißt es bei der DBBW weiter:
C1: eindeutiger Nachweis = harte Fakten, die die Anwesenheit der entsprechenden Tierart eindeutig bestätigen (Lebendfang, Totfund, genetischer Nachweis, Foto, Telemetrieortung).

C2: bestätigter Hinweis = von erfahrener Person überprüfter Hinweis (z.B. Spur oder Riss), bei dem ein Wolf, Luchs oder Bär als Verursacher bestätigt werden konnte. Die erfahrene Person kann den Hinweis selber im Feld oder anhand einer aussagekräftigen Dokumentation von einer dritten Person überprüfen und bestätigen.

C3: unbestätigter Hinweis = Alle Hinweise, bei denen ein Wolf, Luchs oder Bär als Verursacher auf Grund der mangelnden Indizienlage von einer erfahrenen Person weder bestätigt noch ausgeschlossen werden konnte. Dazu zählen alle Sichtbeobachtungen ohne Fotobeleg, auch von erfahrenen Personen; ferner alle Hinweise, die zu alt, unzureichend oder unvollständig dokumentiert sind, zu wenige Informationen für ein klares Bild enthalten (z.B. bei Spuren) oder aus anderen Gründen für eine Bestätigung nicht ausreichen. Die Kategorie C3 kann in Unterkategorien, wie „wahrscheinlich“ und „unwahrscheinlich“ unterteilt werden.“
Nach den Angaben des DBBW ist es grundsätzlich erforderlich, dass eine Endbewertung der Hinweise durch erfahrene Personen vorgenommen wird. Diese Personen sollten jahrelange Routine im Erkennen und Bewerten von Wolfshinweisen haben. Darüber hinaus müsse der Hinweis nicht nur technisch alle Merkmale aufweisen, die für einen Wolfshinweis sprechen. Vielmehr seien der Gesamteindruck und die Erfahrung der bewertenden Person letztlich entscheidend.  

„Falsch: Falschmeldung = Hinweis, bei der die entsprechende Tierart als Verursacher ausgeschlossen werden kann.

k.B.: keine Bewertung möglich = Hinweise, zu denen auf Grund fehlender Mindestinformationen keine Einschätzung möglich ist. Zum Beispiel Sichtmeldungen von Rissen oder Spuren.“

Monitoring mit Nebeneffekt: Wanderwolf auf der Verkehrsinsel

Telemetrie macht’s möglich: Nicht nur die Routen der drei Wanderwölfe Slavko, Alan und Ligabue in der Dokumentation Die Odyssee der einsamen Wölfe (s. auch auf der Unterseite dieser Website Bücher, Filme, Dokumentationen und Audio) konnten nur deshalb nachgezeichnet werden, weil die Tiere zuvor mit Funkhalsbändern ausgestattet wurden – auch viele wissenschaftliche Erkenntnisse würden ohne die Technik der Telemetrie nicht ans Tageslicht kommen. 

Und auch von der folgenden spannenden Geschichte hätte niemand Notiz genommen, wenn der Bewegungsablauf eines Wolfs nicht exakt durch Telemetrie „beobachtet“ und nachvollzogen hätte werden können. 

Symbolisch abgebildet ist hier ein besenderter Wolf aus dem Wapiti Lake-Rudel im Yellowstone Nationalpark. Ob von dem Wanderwolf ein Bild existiert, der sich in einem italienischen Dorf versteckt hatte, ist nicht bekannt. Bild: mtnmichelle

So hatte sich, wie Dr. Marianne Heberlein vom WolfScienceCenter dem Autor erzählte, vor einigen Jahren ein besenderter Wanderwolf auf seiner Route kurz vor Tagesanbruch in ein italienisches Dorf verirrt. Wie die einige Zeit später ausgewerteten Daten zeigten, hatte er es nicht mehr rechtzeitig vor Sonnenaufgang geschafft, das Dorf zu verlassen. Doch anstatt in Panik zu geraten, versteckte er sich tief in einem Gebüsch, das in der Mitte einer Verkehrsinsel wuchs. Dort verharrte er den ganzen Tag über bewegungslos aus, wartete den Einbruch der Abenddämmerung ab und machte sich dann auf die Pfoten. Niemand hatte das Tier dort tagsüber gesehen, obwohl die Verkehrsinsel in einer Gabelung mehrerer von Autos, Fahrradfahrern und Fußgängern stark frequentierter Straßen liegt. 

Status Bericht über das Monitoringjahr 2022/23

Als Beispiel für einen umfassenden Monitoringreport kann hier der Statusbericht über den Zustand der Wolfspopulation im Bundesland Sachsen im Berichtsjahr 2022/23 nachgelesen werden. Die Federführung des Berichts hat das LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Spreewitz. Das Monitoringjahr deckt den Zeitraum vom 1. Mai 2022 bis zum 30. April 2023 ab.
 
Informationen über das Wolfsvorkommen und die Entwicklung innerhalb der sächsischen Wolfsfamilien
 
Der Bericht bietet einen umfassenden Überblick über das Wolfsvorkommen und informiert unter anderem über die Anzahl der nachgewiesenen Tiere und deren Verbreitungsgebiete. Im Fokus stehen dabei 38 bestätigte Rudel, vier Paare sowie zwei standorttreue Einzeltiere, die detailliert dargestellt werden. Darüber hinaus thematisiert der Report besondere Vorkommnisse, aktuelle Entwicklungen innerhalb der sächsischen Wolfsfamilien sowie die Gefährdungen, denen die Tiere in Sachsen ausgesetzt sind.
 
Der jährlich erscheinende Statusbericht fasst die Ergebnisse des sächsischen Wolfsmonitorings des jeweiligen Jahres zusammen und richtet sich sowohl an Fachleute als auch an interessierte Bürgerinnen und Bürger.
 

Herdenschutz: Wie können Weidetiere vor Beutegreifern geschützt werden?

Um Wölfe abzuwehren und zu „vergrämen“ ist ein Schutzzaun, der unter Strom gehalten wird, in der Regel ein probates Mittel. Bild: Alexander Loew
Der (Große) Pyrenäenberghund ist ein französischer Herdenschutzhund. Er wird von Weidetierhaltern zum Schutz von Schaf- oder Ziegenherden eingesetzt. Bild: Jakob Berg

Maßnahmen zum Herdenschutz sind so alt wie der Konflikt zwischen Wölfen und Menschen, die bemüht sind, ihre Nutztiere vor Attacken der Beutegreifer zu schützen. Deshalb reichen sie bis in die Frühzeit der Sesshaftwerdung des Menschen zurück, der sich vor etwa 12.000 Jahren vom Jäger und Sammler zum Bauern und Viehhalter entwickelte. War das Verhältnis vor dieser Zeitenwende zwischen Wolf und Mensch zunächst wahrscheinlich relativ konfliktfrei, solange sich Menschen ihre Nahrung als urzeitliche Jäger erkämpften und mit Wölfen die gleichen Jagdgründe teilten (und offensichtlich sogar kooperierten), wandelte sich ihre Beziehung zunehmend zum Schlechten, als Menschen damit begannen, Nutztiere zur eigenen Versorgung zu halten. Als Prädatoren unterscheiden Wölfe nicht zwischen jagdbarem Wild und Weidetieren. Beide sind Beute, und im Fall von Weidetieren ist diese einfacher zu erlegen. Für einen opportunistischen Jäger wie den Wolf, der seine Körperkräfte erhalten und ständig darauf achten muss, nicht von wehrhaften Beutetieren wie Wildschweinen oder Hirschen verletzt zu werden, ist das ein stichhaltiges Argument.

Weidetierhalter in Zentraleuropa haben relativ wenig Erfahrung mit dem Herdenschutz

Warum ist der Herdenschutz in Zentraleuropa, also in Ländern wie Deutschland, Österreich, den Beneluxstaaten sowie Frankreich und Italien, derart zum Streitthema geworden? Weil, wie die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) erklärt, in diesen Gebieten Wölfe völlig ausgerottet waren. Deshalb konnte hier auf den Herdenschutz weitgehend verzichtet werden, was eine erhebliche Arbeitserleichterung für die Halter darstellte. „(Doch) mit der Rückkehr der Wölfe in ihre ehemaligen Verbreitungsgebiete tauchen die Wolf-Nutztier-Konflikte wieder auf. Die Art und Weise der Nutztierhaltung muss wieder an die Anwesenheit von Wölfen angepasst werden. Dies ist für die Betroffenen zum Teil mit einem Mehraufwand an Arbeit verbunden, wenn etwa verbesserte Zaunsysteme eingesetzt werden, deren Handhabung unter Umständen arbeitsaufwendiger ist. Werden Herdenschutzhunde eingesetzt, müssen auch diese täglich versorgt und kontrolliert werden.“

Seit der Rückkehr der Wölfe nach Zentraleuropa haben sich die Zahlen von Wolfsübergriffen auf Nutztiere sukzessive vergrößert. Deshalb haben alle Bundesländer mit wachsenden Wolfspopulationen ein sogenanntes Wolfsmanagement etabliert, das Weidetierhalter bei Wolfsattacken – vorwiegend auf Schafe und Ziegen – entschädigt und zugleich Präventionsmaßnahmen als Mindeststandards zum Schutz vor Nutztierrissen vorgibt. Wie die Fachleute der DBBW weiter erläutern, ist die Einhaltung dieser Mindeststandards Voraussetzung, um eventuell von den Ländern in Aussicht gestellte Entschädigungszahlungen zu erhalten.

Herdenschutzhunde können in Kombination mit Elektrozäunen die Schutzwirkung verstärken

Zu diesen Präventionsmaßnahmen gehören in der Regel der Aufbau stromführender Zäune und die Anschaffung von Herdenschutzhunden sowie die Kombination aus beiden Maßnahmen. Dazu heißt es bei der DBBW: „Besonders bewährt für den Schutz von Nutztieren haben sich stromführende Zäune. Da Wölfe eher versuchen, Zäune zu unterqueren, statt sie zu überwinden, ist es besonders wichtig, dass die unterste Litze maximal 20 cm vom Boden entfernt ist. Damit die Litzen ausreichend unter Spannung stehen, muss der Zaun gut geerdet sein. Elektrozäune sollten 120 cm hoch sein. Da die verbreitet angewandten Schafnetze meist nur 105 cm bis 108 cm hoch sind, können diese ggf. mit einer zusätzlich darüber gespannten Breitbandlitze erhöht werden.“

 

Für größere Herden empfehlen Experten die Kombination aus Elektrozäunen mit der Anschaffung von Herdenschutzhunden. Dabei handelt es sich um spezielle Hunderassen, die aufgrund ihrer kräftigen Statur und ihres unerschrockenen und selbständigen Verhaltens in bestimmten Regionen seit Jahrhunderten zum Schutz vor Wölfen und Bären eingesetzt und häufig bereits im Welpenalter mit der Herde sozialisiert werden. Als Beispiele können hier der französische Pyrenäenberghund (im Bild), der italienische Maremma oder Abruzzen Schäferhund, der rumänische Carpatin oder der türkische Kangal genannt werden.   

Herdenschutzhunde: Hierzulande gibt es keine Regeln für die Zertifizierung der Ausbildung, für einen Sachkundenachweis der Halter oder für einen Wesenstest der Hunde

Im Gespräch mit Patrick Irmer, Referent für Öffentlichkeitsarbeit und zuständig für Krisen- und Konfliktmanagement bei der Fachstelle Wolf im sächsischen Nossen, gab dieser im Juni 2025 zu bedenken, dass man in Deutschland nie gelernt habe, verantwortungsvoll mit solchen Hunden umzugehen. Der Freistaat würde die Anschaffung von Herdenschutzhunden zwar mit bis zu 3.000 Euro fördern, es gebe aber keine Regeln für eine Zertifizierung, einen Sachkundenachweis der Halter oder für einen Wesenstest der Hunde.

„Deshalb wird kein Tierhalter in Sachsen von mir die Empfehlung bekommen, sich Herdenschutzhunde zuzulegen,“ sagt Irmer. Zudem mache es viel Arbeit, die Hunde gut zu trainieren, und es gebe auch ganz unterschiedliche Hunde, die für den Herdenschutz eingesetzt würden. So existierten Signalhunde, die die Anwesenheit von Wölfen anzeigten, es gebe Hunde, die von ihrem Wesen her aktiv verteidigten, die Schafherde abschirmten und sich zwischen Wölfe und Herde stellten –, und dann gebe es Herdenschutzhunde, die als scharfe Hunde außerhalb der Koppel gehalten würden und auf alles losgingen, was nicht zur unmittelbaren Umgebung gehöre. Die Haltung dieser Hunde sei zwar in Deutschland verboten, in der Türkei oder in osteuropäischen Ländern seien die Tiere aber durchaus häufiger anzutreffen. 

In Deutschland fehlen gute Weiterbildungsprogramme für Weidetierhalter, die mit Herdenschutzhunden arbeiten wollen

In bergigen Regionen mit Hochflächenbeweidung können Herdenschutzhunde nach Ansicht Irmers allerdings sinnvoll sein, weil es schwierig ist, in diesem Gelände Zäune aufzustellen. Der mit der Ausbildung der Hunde verbundene Aufwand lohne sich aber, weil gut trainierte Herdenschutzhunde tatsächlich selbständig agierten und die Nutztierhalter entlasteten.

Der Referent aus Sachsen macht hierzu auf das „Leitprojekt von Max Rossberg in Südtirol“ aufmerksam. Rossberg züchtet und zertifiziert Herdenschutzhunde und hat unter dem Titel „Diversität auf der Alm“ ein entsprechendes Netzwerk aufgebaut. Das Projekt kann hier begutachtet werden. Zudem hat der Experte in Sachen Herdenschutzhunde einen Leitfaden zur Haltung und Ausbildung der Tiere herausgegeben. 

Wie Irmer weiß, wird auch in Österreich ein Wesenstest, also ein „Sozialnachweis“ der Hunde eingefordert. Die Tiere müssen auf den Menschen geprägt sein, trotzdem aber abschreckend auf den Wolf zugehen. In Deutschland hingegen gebe es kein vergleichbares Programm. Wenn sich ein Weidetierhalter Herdenschutzhunde anschaffe, würden diese häufig nur mit Drill „funktionstüchtig“ gemacht, was in den meisten Fällen zu Problemen führe. Fazit: Um erfolgreich und effektiv mit Herdenschutzhunden zu arbeiten, fehlen in Deutschland gute Weiterbildungsprogramme.

Bild: bazilfoto

Herdenschutzhunde und sichere Einzäunung

Das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie in Sachsen stellt zum Thema Herdenschutz unter besonderer Berücksichtigung des Einsatzes von Herdenschutzhunden eine umfangreiche Broschüre zur Verfügung. In der Beschreibung der Publikation heißt es: „Für einen sicheren Herdenschutz in Gebieten mit frei lebenden Wölfen ist der Einsatz geeigneter Elektrozäune unabdingbar. Der Einsatz von Herdenschutzhunden ist als zusätzliche Maßnahme zu erwägen. Der Umgang mit Herdenschutzhunden erfordert Sachkenntnis und Verantwortungsbewusstsein. Die Broschüre erläutert Unterschiede zum Hütehund, beschreibt Grundlagen der Sozialisierung und stellt die wichtigsten Rassen vor. Im zweiten Teil werden Empfehlungen für eine übersprungsichere Elektro-Umzäunung gegeben, die mit vertretbarem Zeitaufwand aufgebaut werden kann.“

Die Broschüre kann hier bestellt werden.

Theorie und Wirklichkeit des Herdenschutzes

Als ich mit der Entwicklung dieser Website begann und auf meinen Social-Media-Profilen erstmals von meinem Buchprojekt Damian. Der Wolf berichtete, gehörten neben interessierten Nachfragen von Freunden, Bekannten und Kollegen auch ablehnende und teilweise aggressive Kommentare von Nutzern zu meinen ersten Erfahrungen. „Typisch Städter!“ war der harmloseste Kommentar, den ich registrieren musste. Ich stellte fest, dass ihre Verfasser aus der Jagdszene und dem bäuerlichen Umfeld stammten und ich in der anschließenden Diskussion über die Möglichkeiten einer friedlichen Koexistenz zwischen Weidetierhaltern und Jägern einerseits und Wölfen andererseits erst einmal belehrt wurde, dass es diese Möglichkeiten grundsätzlich nicht gebe. Auf meine Nachfrage nach Maßnahmen für einen effektiven Herdenschutz wurde sowohl die Nützlichkeit von Elektrozäunen als auch von Herdenschutzhunden abgetan. „Besonders im dicht besiedelten Deutschland,“ so hieß es, „kann es kein Miteinander mit einem Raubtier wie dem Wolf geben.“ Basta!

Zu dieser Zeit waren mir zwei Dinge noch nicht klar: Erstens, wie emotional aufgeladen und politisiert die Debatte um Rückkehr und Bleiberecht der Wölfe in Deutschland (und in Zentraleuropa) ist, und zweitens, dass ich mit meinen Fragen und Anmerkungen zum Herdenschutz präzise in ein Wespennest gestochen hatte. Heute scheint mir, dass Ilka Reinhardt vom LUPUS Institut in Spreewitz mit einer fast hingeworfenen Bemerkung im Interview mit mir den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Sie sagte: „Man muss Herdenschutz auch tatsächlich wollen!“

Studien und Projekte belegen die Effizienz von durchdachten Herdenschutzmaßnahmen

An diesem Willen aber darf man, wenn man sich die Erfahrungen von Wissenschaftlern und Praktikern anhört, in manchen Fällen durchaus zweifeln. So ist Ilka Reinhardt fest davon überzeugt, dass effektiver Herdenschutz immer möglich ist. Zwar werde in Deutschland ja durchweg behauptet, dass Herdenschutz im Flachland möglich sei, aber in den Bergen nicht. Die Biologin: „Dabei gibt es große Projekte, die das Gegenteil beweisen. So hat zum Beispiel ein von der EU gefördertes großes Projekt im italienischen Piemont gezeigt, dass die Schäden an Nutztieren so minimiert werden konnten, dass die Wölfe allmählich in die Po-Ebene abgewandert sind. Der Herdenschutz war dort also sehr effektiv. Und jetzt aber gibt es Nutztierhalter, die behaupten, dass Herdenschutz in den Bergen gut funktionieren könne, aber im Flachland gehe das natürlich nicht!“ Man lege sich die Dinge also so zurecht, wie sie gerade passten.

Natürlich sei Herdenschutz mit einem höheren Aufwand verbunden, so Reinhardt weiter. Die Ursache für manchen Zweifel am Herdenschutz sieht die Expertin vor allem aber in der mangelnden Bereitschaft, sich umzustellen: „Das tun wir Menschen einfach nicht gerne.“ Dabei sei vor der Rückkehr der Wölfe ja niemand auf die Idee gekommen, Schafe einfach ungeschützt weiden zu lassen. Auch ohne Wolf sei es völlig normal und notwendig, Schafe hinter einem Zaun zu halten. Wie fahrlässig es sei, dies nicht zu tun, sei an den hohen Verlusten von Schafen zu erkennen, die in den Bergen ohne Schutz gehalten würden. Viele von ihnen kämen bei Abstürzen zu Tode – neben Krankheiten, Steinschlag, Blitzschlag und Verlust sei dies die häufigste Todesursache.

Die Öffentlichkeit finanziert die Errichtung von Elektrozäunen, ihre Funktionstüchtigkeit wird jedoch nicht überprüft

Aber noch ein weiterer Umstand lässt erst recht an der Integrität der Argumente gegen die Effizienz von Herdenschutzmaßnahmen zweifeln: So berichtet die Biologin aus ihrer mehr als 25-jährigen Praxis, dass in Deutschland zwar insgesamt etwa 20 Millionen Euro pro Jahr in Herdenschutzmaßnahmen investiert würden, kaum aber die Funktionsfähigkeit der Zäune überprüft werde. Reinhardt: „Und nur, weil ein Zaun schick aussieht, heißt es ja noch lange nicht, dass er auch funktioniert. Einen Elektrozaun funktionsfähig zu halten, ist nicht trivial, zum Beispiel, was die Erdung betrifft.“ Und genau hier liege der Hase im Pfeffer: „Im Piemont hat ein Interventionsteam die Zäune jeweils auf mögliche Schwachpunkte untersucht, um zu vermeiden, dass Wölfe nicht ausreichend abgeschreckt werden.“ Hierzulande sei es dagegen so, dass bei Schadensfällen, also Nutztierrissen, der Schaden jeweils aufgenommen und protokolliert werde, um im Nachhinein die Ursachen zu klären. Es werde also nicht prophylaktisch gearbeitet!

Darüber hinaus würden auch so gut wie keine Stichproben gemacht, um die Funktionstüchtigkeit der Elektrozäune wenigstens punktuell zu überprüfen. Dabei sei eine Studie aus Schweden durchaus bekannt, die vor einigen Jahren durchgeführt worden war und ergeben hatte, dass 85 Prozent aller Elektroschutzzäune gegen Wölfe nicht funktioniert hatten. Reinhardt: „Wir reden hier seit Jahren wie gegen eine Gummiwand, veröffentlichen die Zusammenhänge und machen immer wieder darauf aufmerksam. Aber es ändert sich nichts!“ So stehe es in Bundesländern wie Sachsen, in denen Herdenschutzmaßnahmen zu 100 Prozent gefördert würden, noch nicht einmal in den Verträgen, dass die Funktionstüchtigkeit der Zäune auch kontrolliert werden müsse. Die LUPUS-Co-Gründerin: „Deshalb sage ich: Der Schaden wird verwaltet, aber man versucht nicht, konzeptionell Schäden zu minimieren. Das ist wirklich frustrierend!“

Nur wenige Wölfe verursachen Schäden und nur wenige Weidetierhalter erleiden Schäden

Dabei sind die größten berechtigten Zweifel an der Ernsthaftigkeit, mit Wölfen tatsächlich eine friedliche Koexistenz herstellen zu wollen, um Naturschutz und wirtschaftliche Interessen zu vereinbaren, bisher noch nicht einmal erwähnt worden. So berichtet Reinhardt, dass sie mit ihren KollegInnen für einen Bericht an die EU-Kommission zum Thema „25 Jahre Wolf in Sachsen“ vor kurzem die Schadenszahlen im Freistaat konkret analysiert habe. Das Ergebnis: „Es gibt nur wenige Rudel, die für Schäden verantwortlich sind. Und vor allen Dingen: Es sind nur wenige Tierhalter, die ein Großteil der Schäden erleiden. Das Fazit der Expertin: „Die allermeisten Tierhalter – 90 Prozent – haben keine Schäden. Auch im Wolfsgebiet. Und die allermeisten Wölfe verursachen keine Schäden!“ Jene Tierhalter aber, die immer wieder Übergriffe beklagten und die man namentlich kenne, hätten Zäune, die nicht funktionstüchtig seien. Darüber hinaus gebe es diejenigen, die sich nach wie vor weigerten, Schutzmaßnahmen einzuleiten und vielmehr eine Abschussgenehmigung für Wölfe forderten. Reinhardt: „Deshalb muss man sich manchmal schon die Frage stellen, ob man Wölfe schießen oder das Problem lösen will?“

Der Autor dieser Website hatte am 17. Juni 2025 Gelegenheit, mit den beiden Inhaberinnen des LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung im sächsischen Spreewitz über die Aufgaben des Instituts, den Status der Wölfe in Sachsen, die politische Debatte über den Schutz von Wölfen sowie über das Verhalten von Wanderwölfen zu sprechen. Bild: R. Leuthner

Analyse des Naturschutzbund Deutschland (NABU)

Ist die Bejagung von Wölfen der bessere Herdenschutz?

Vertreter aus den Reihen der Jagd- und Agrarlobby fordern seit langem, den Wolf überall ins Jagdrecht aufzunehmen. Bild: Edgar G. Biehle

Unter der Überschrift „Wölfe bejagen = weniger Risse? Eine praktische Analyse“ hat der Naturschutzbund Deutschland im Mai 2025 seine Gegenposition zur Entscheidung der EU formuliert, den Schutzstatus des Wolfes in der FFH-Richtlinie zu senken, um den Mitgliedsländern mehr Möglichkeiten für ein „aktives Wolfsmanagement“ einzuräumen. Dieses wird in Deutschland von einigen Verbänden und PolitikerInnen mit der Begründung eingefordert, nur so den Untergang der Weidetierhaltung verhindern zu können. Dahinter verbirgt sich ein „aktives Bestandsmanagement“ des Wolfs, das nichts anderes als die gezielte Reduktion der Populationen bedeutet.

Dem halten die AutorInnen des NABU entgegen, dass Wolfsmanagement weit mehr als die mögliche Bejagung der Beutegreifer bedeutet und entwickeln fünf „pragmatische Szenarien“ für Weidetiere, die eine Bejagung des Wolfs voraussichtlich nach sich ziehen würden. Die Analyse, die zum eindeutigen Fazit gelangt, dass eine Bejagung Herden nicht schützen würde, kann hier nachgelesen werden.