Über das Projekt

Dieses Projekt ist Wölfen gewidmet. Wildtieren, die vor 25 bis 30 Jahren von Osteuropa Schritt für Schritt ins Herz des Kontinents zurückgekehrt sind. Auf einen Kontinent, der sie bis vor etwa 150 Jahren erbarmungslos verfolgt und nahezu ausgerottet hatte. 

Eine zufällige „Begegnung“ mit Wanderwölfen

Begonnen hat das Projekt mit einer Idee, die mich nach und nach immer mehr in ihren Bann gezogen hat: Es war ein Zufall, der mich 2020 zu einer Terra X-Dokumentation in der Mediathek des ZDF führte und mich den zweiteiligen Film „Die Odyssee der einsamen Wölfe“ sehen ließ. Hierin erzählten Wolfsforscher und -forscherinnen die Geschichte dreier Wanderwölfe, die in unterschiedlichen Regionen Europas jeweils im Alter von etwa einem Jahr ihr heimisches Rudel verließen und sich auf die Reise machten, um ein neues Territorium zu suchen und dort eine eigene Familie zu gründen. Die Geschichte der drei Wölfe faszinierte und beeindruckte mich. Was brachte sie dazu, ihren eigenen Familienverband und die ihnen vertraute Umgebung zu verlassen und sich über viele hunderte oder gar tausende Kilometer in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang zu stützen? Quer durch den europäischen Kontinent, der nicht von Wildnis, sondern von menschlichen Kulturlandschaften geprägt, und von Straßen, Bahnstrecken und Siedlungen durchzogen ist. Ist es Instinkt und genetische Veranlagung, die manche Jungwölfe, sowohl Rüden als auch (weibliche) Fähen, zum Aufbruch motiviert, während die meisten ihrer Brüder und Schwestern „zu Hause“ bleiben und das „normale“ Leben von Wölfen führen? Oder ist es eine bewusste Entscheidung?

Auf der Schulbank „in Sachen Wolf“

Je mehr Fragen ich mir stellte, desto größer wurde der Wunsch, möglichst alles über die Hintergründe und Zusammenhänge zu erfahren. Auf diese Weise wurde aus der ursprünglichen Idee, ein Buch über einen Wanderwolf zu schreiben, die Gewissheit, zunächst viel mehr über das Verhalten und die Biologie der Wildtiere lernen zu müssen. Ich musste auf die Schulbank „in Sachen Wolf“. Deshalb habe ich mich in Fachliteratur eingearbeitet, Wolfsgehege und wissenschaftliche Institute besucht, Interviews mit führenden Wolfsexperten und -expertinnen in Deutschland und Österreich geführt und Kontakt zur Wolfscommunity gesucht, zu Naturschutzverbänden, Initiativen und engagierten Artenschützern. Daraus ist diese Website entstanden, die meine Recherchen bündelt und parallel zur Produktion des Buchs Damian. Der Wolf kontinuierlich aktualisiert und weitergeführt wird.

Das Sozialverhalten von Menschen und Wölfen hat vieles gemeinsam

Wölfe sind einzigartige Tiere, die dem Menschen sehr viel ähnlicher sind, als lange Zeit angenommen wurde. Sie gründen Familien, kümmern sich um ihre Alten und Schwachen, umsorgen ihre Kinder und interagieren auf vielfältige Weise mit verwandten und fremden Artgenossen. Ihre kognitiven Fähigkeiten gehören zu den ausgeprägtesten und komplexesten im Tierreich. Sie lernen, speichern Erfahrungen im Gedächtnis und geben diese an ihre Nachkommen weiter. Inwieweit sie sich ihres eigenen Lebens bewusst sind und daher über Selbst-Bewusstsein verfügen, wird in Kognitionsforschung und Verhaltensbiologie diskutiert. Genaue Beobachtungen in Feldstudien zeigen jedoch, dass sie konkrete Entscheidungen treffen und sich deren Folgen wohl bewusst sind. Sie planen, entwickeln Strategien und agieren vorausschauend. Und auch ihr Gefühlsleben scheint dem des Menschen ähnlich zu sein: Sie können glücklich und zufrieden sein, ausgeglichen in sich ruhen, aber auch aus der Bahn geworfen werden und langanhaltend um ein zu Tode gekommenes Familienmitglied trauern.

Jeder Wolf ist ein einzigartiges Individuum

In ihrem individuellen Charakter unterscheiden sie sich wie wir Menschen. Es gibt extrovertierte Individuen, die als mutige Draufgänger keiner Gefahr aus dem Weg gehen, fortwährend ihre Kraft erproben müssen und Abenteuer suchen; und es gibt introvertierte Charaktere, die vorsichtig, zurückhaltend und scheu agieren und sich offenbar selbst genug sind. Und zwischen diesen Polen gibt es alle möglichen Facetten. Vor allem, das macht die moderne Wolfsforschung deutlich, gibt es nicht „den Wolf“ oder „das Wolfsverhalten“. Jeder Wolf ist einzigartig und zeigt ein einzigartiges Verhalten.

Die Wolfspolitik rückte schnell in den Vordergrund

Als ich mich entschlossen hatte, mit dem Buchprojekt zu beginnen, war mir nicht bewusst, wie sehr mich das Thema emotional fordern würde. Ich wusste, dass ich mir sehr viel an neuem Wissen aneignen musste, und die Arbeit anspruchsvoll sein würde. Dass mich jedoch nicht die fachliche Tiefe des Themas am meisten beanspruchen würde, sondern die „Wolfspolitik“, war mir zunächst nicht klar.

Treibstoff für „soziale“ Medien: Wut und Hass

Zwar bemerkte ich rasch, dass die Rückkehr der Wölfe nach Zentraleuropa vor gut 25 Jahren eine Debatte um das Schicksal der Beutegreifer ausgelöst hatte. Doch wie sehr sich der Streit zwischen Arten- und Naturschutz auf der einen und Jagd- und Agrarlobbys auf der anderen Seite mittlerweile verhärtet hat und sich immer weiter zuspitzt, macht mich sprachlos.Vor allem die Wut, mit der Claqueure möglichst viele Wolfsabschüsse in den sogenannten „sozialen“ Medien fordern und sich nach wie vor gegenseitig anstacheln, konnte ich lange nicht verstehen. 

Wölfe werden zur Chiffre politischer Überzeugungen

Heute ist mir klar, dass der Wolf eine Chiffre ist, eine Projektionsfläche für völlig andere und doch miteinander eng verwandte gesellschaftspolitische Haltungen. Die Aggression gegen ein Wildtier, das nicht wirklich kontrolliert werden kann, entspricht der Ablehnung von Flüchtlingen, die teilweise in rechtskonservativen, vollständig aber in rechtsnationalen und völkischen Milieus, ebenso wie Wölfe als Invasoren betrachtet werden. Ich kann dazu nur das Buch The Wolfes are coming back. The Politics of Fear in Eastern Germany von Rebecca Pates und Julia Leser empfehlen! Bezogen auf Ostdeutschland, wohin die Wölfe zuerst zurückkehrten, gelingt es den Autorinnen auf einer Schnittstelle zwischen Politikwissenschaften, politischer Anthropologie und Migrationsforschung verständlich zu machen, was sich hinter der maßlosen Aggression auf Wölfe eigentlich verbirgt: eine breit orchestrierte und gesteuerte politische Kampagne, die den Wolf als Symbol für alles „Fremde“ und „Gefährliche“ haftbar macht. Ein Wildtier wird instrumentalisiert – 300 Jahre nach der Aufklärung.

Die Realität holt uns ein

Ich hätte mich auf dieser Website, die das Buch vorbereitet und seine Entstehung begleitet, lieber und ausschließlich auf das Sozialverhalten der Wölfe, ihre Evolutionsgeschichte, in der die Kooperation mit dem Menschen eine entscheidende Rolle spielt, sowie auf die Möglichkeiten zu einer friedlichen Koexistenz zwischen Wolf und Mensch konzentriert. Vor der politischen Realität aber können wir uns nicht wegducken. Eskapismus, in welcher Form auch immer, nützt nichts. Die Realität holt uns ein. Unweigerlich.