Die Art unseres Umgangs mit dem Wolf, der mit dem Beginn des neuen Jahrtausends nach Europa zurückgekehrt ist – auf einen Kontinent, auf dem er vor mehr als 150 Jahren fast vollständig ausgerottet worden war –, ist ein Gradmesser für die Ernsthaftigkeit, uns auf Natur einzulassen und sie zu schützen. Der Wolf ist keine Spezies wie jede andere. Er ist ein Kind der Wildnis und entstammt einer von Menschen nicht kultivierten, nicht zurechtgebogenen und nach seinem Gutdünken gestutzten Natur. Der Wolf wurde nicht zum Kampfhund und nicht zum Schoßhündchen domestiziert, er ist weder des Menschen Werkzeug, Jagdkumpan, Gefährte oder Spielzeug, noch dient er zu seiner Ernährung oder stiftet Nutzen durch die Verwertung seines Körpers. Er ist im besten Sinne des Wortes: frei.
Der Wolf hat alle äußeren Merkmale eines Hundes und erinnert auf den ersten Blick an das Tier, das sich der Mensch zu seinem treuesten Gefährten gemacht hat. Doch mit diesem hat er nur wenig zu tun, da er in freier Wildbahn täglich um sein Überleben kämpft.
Manche Menschen, dazu gehören vor allem Lobbyisten von Agrar- und Jagdverbänden, wollen und können tierische Freiheiten offensichtlich nicht akzeptieren. Eine Spezies, die sich nicht einordnen will ins Gefüge der menschlichen Organisation, unter ihre Regeln und Gesetze, muss aus ihrer Sichtweise zumindest kontrolliert, und wenn das nicht vollumfänglich möglich ist, eliminiert werden. Denn im Weltbild der einflussreichen Lobbys gefährdet sie materielle Werte, wie Nutztiere und deren durch Schlachtung und Verkauf erzielte Erlöse sowie die Zahl von Jagdtrophäen. Dass es durchaus in der Praxis erprobte Möglichkeiten des Herdenschutzes gibt, beispielsweise durch den Einsatz von Herdenschutzhunden oder Wolfs„vergrämende“, in den Boden eingelassene Elektrozäune (s. Wolfskosmos), und dass die ökologische Funktion des Beutegreifers, der zur Waldverjüngung beiträgt und durch die Beseitigung kranker und schwacher Beutetiere die Wildbestände gesund erhält, vielfach dokumentiert worden ist, ficht sie nicht an.
Den Vorwurf einer ideologischen Verblendung und Romantisierung der Prädatoren, den sie gegenüber Wolfsschützern und Menschen erheben, die sich für den Schutz aller Arten einsetzen, krönen nicht wenige Lobbyisten mit hartnäckiger Verbohrtheit, die keinen Argumenten zugänglich ist.
Die öffentliche Diskussion über ein Bleiberecht für Wölfe erinnert an die Migrationsdebatte über die Aufnahme oder Duldung von Flüchtlingen. So besteht die reale Gefahr, dass die Prädatoren ebenso wie viele Migranten unter die Räder eines rechtskonservativen Rollbacks geraten, der nicht nach wissenschaftlich-objektiven Kriterien handelt, sondern im Sinne von populistischen Prinzipien agitiert. Jagd- und Agrarlobbys fordern seit langem die Absenkung des Schutzstatus des Wolfes, den er im Bundesnaturschutzgesetz seit der Wiedervereinigung 1990 und in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union (FFH-Richtlinie, 92/43/EWG) genießt. Danach sind die EU-Mitgliedstaaten verpflichtet, besondere Schutzmaßnahmen wie die Erstellung und Umsetzung von Managementplänen zu ergreifen und besondere Schutzgebiete einzurichten. Das absichtliche Stören, Fangen oder Töten sowie weitere Beeinträchtigungen von Wölfen sind verboten. Übrigens: Dass effizienter Herdenschutz ohne Jagd auf Wölfe möglich ist, zeigt u.a. das Beispiel der IG Herdenschutz plus Hund in Sachsen-Anhalt. Hier verzeichnen die beteiligten Weidetierhalter mit insgesamt rund 25.000 Tieren seit sechs Jahren keinen einzigen Riss (Stand Mai 2025). Und das ist nicht das einzige Beispiel für den Erfolg vernünftiger und sinnvoller Herdenschutzmaßnahmen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse spielen in der Debatte über Wölfe bedauerlicherweise kaum eine Rolle. Im Vordergrund steht Agitation, die bei Boulevardmedien und manchen Tageszeitungen auf offene Ohren trifft. Dabei war das Image des Wolfes in weiten Bevölkerungskreisen über lange Zeit sehr gut. So ergab eine repräsentative Umfrage von Forsa im Auftrag des Naturschutzbund Deutschland (NABU) im April 2024, dass 71 Prozent der Befragten sehr beziehungsweise eher interessiert an Wölfen seien. In Regionen mit Wolfsvorkommen lag das Interesse sogar bei 79 Prozent. 73 Prozent stimmten der Aussage, dass Wölfe in Deutschland leben sollten, auch wenn es teilweise zu Problemen komme, voll und ganz oder eher zu, und 62 Prozent stimmten der Aussage, dass die von Wölfen ausgehenden Risiken in den Medien übertrieben dargestellt würden, voll und ganz oder eher zu. Umfragen aus Vorjahren ergaben ähnlich hohe Zustimmungswerte.
„Der Wolf wird politisch instrumentalisiert“
Heinrich Haller, Autor, Naturschützer und bis 2019 Direktor des Schweizerischen Nationalparks
Doch seit 2025 widersprechen sich die Resultate von Meinungsumfragen. So ergab zunächst eine Untersuchung von INSA im Auftrag der Bildzeitung im April des Jahres, dass 61 Prozent der Deutschen eine Lockerung des Wolfsschutzes ablehnten, während nur 26 Prozent dafür seien. Besonders in Ostdeutschland, wo Wölfe weitaus häufiger vorkommen als im Westen der Republik mit Ausnahme Niedersachsens, war die Ablehnung einer Lockerung des Wolfsschutzes mit 67 Prozent deutlich.
Zu diametral gegensätzlichen Ergebnissen kommt jedoch eine Untersuchung des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Bei dieser waren 20.000 Menschen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befragt worden. Dabei befürworteten zwei Drittel der Befragten die Absenkung des Schutzstatus und die Möglichkeit von Eingriffen (also Abschüsse), und bei jeder dritten befragten Person löste die Begegnung mit einem Wolf eher Angst aus.
Zweifellos hat die unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit der Agrar- und Jagdlobby und ihr Druck auf Parlamente, Ausschüsse und weitere politische Gremien auf Bundes- und Landesebene, Erfolg. Wer sich an die lärmende Drohkulisse erinnert, die der Deutsche Bauernverband 2024 in seinem Protest gegen die Reduzierung der Agrardiesel-Subventionen mit Hundertern Traktoren im LKW-Format in den Innenstädten aufbaute, den wundert das nicht. Und wer beobachten konnte, wie gerade Politiker, die sich ansonsten für den Abbau jeglicher Subventionen stark machen, einknickten und auf offener Bühne den Bauernpräsiden das Wort redeten, erst recht nicht. So hat die Berner Konvention den Schutzstatus des Wolfs mit Wirkung zum 6. März 2025 gesenkt. Zwar steht der Wolf auch weiterhin noch unter strengem Schutz, die Überführung des Schutzstatus von Anhang II in Anhang III der Konvention kann aber der erste Schritt dazu sein, dies zu ändern, weil damit ein grundsätzliches Tötungsverbot der Tiere aufgehoben wurde.
Die Berner Konvention ist ein 1979 verabschiedeter völkerrechtlicher Vertrag des Europarates zum Schutz wild lebender Tiere und Pflanzen und ihrer natürlichen Lebensräume in Europa. Deutschland ist seit 1985 Vertragsstaat. Warum sich die Änderung der Konvention auf den Schutzstatus des Wolfs in den EU-Mitgliedstaaten ausgesprochen negativ auswirken kann, ist dem Umstand geschuldet, dass damit der Schutzstatus auch in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) der Europäischen Union abgesenkt werden kann. In der Folge würde der Wolf dann zu den Tierarten von gemeinschaftlichem Interesse gehören, die im Zuge von Verwaltungsmaßnahmen aus der Natur „entnommen“ – sprich: bejagt – werden könnten. Dazu ist allerdings die Zustimmung aller 27 EU-Mitgliedstaaten erforderlich.
Wenn es nach den Wolfsgegnern geht, sollte die Absenkung des Schutzstatus nun auf der Ebene der EU-Mitgliedstaaten schleunigst vollzogen werden. Dazu ist in Deutschland allerdings eine Veränderung des Bundesnaturschutzgesetzes erforderlich, beziehungsweise in den Bundesländern, in denen der Wolf im Jagdrecht steht, eine Veränderung der Landesjagdgesetze. Denn in einigen Bundesländern steht der Wolf im Jagdrecht, aktuell jedoch (noch) mit ganzjähriger Schonzeit. „Feuer frei“ auf den Wolf bedeutet die Absenkung des Schutzstatus in der Berner Konvention deshalb nicht, da er in Anhang III des Übereinkommens zwar nicht mehr als streng geschützte aber dennoch weiterhin als geschützte Art geführt wird. Daraus folgt, dass die Mitgliedstaaten gewährleisten müssen, die Wolfspopulation in ihrem Fortbestand nicht zu gefährden. Da die Wolfspopulation allerdings weder EU-weit noch in den Mitgliedstaaten einen günstigen Erhaltungszustand erreicht hat, da in weiten Gebieten nach wie vor überhaupt keine Wölfe vorkommen, kann es nicht zu einer unkontrollierten Bejagung kommen. Dennoch ist die Absenkung des Schutzstatus Wasser auf die Mühlen der Anti-Wolf-Lobbys, die jetzt die Chance wittern, einen unliebsamen Störenfried und Konkurrenten loszuwerden. Anmerkung: Alle hier angeführten Argumente werden im Buch mit Quellen und Nachweisen belegt!
Es fällt schon auf, mit welcher Heftigkeit der Streit um den Wolf geführt wird. Längst ist er zu einem Kulturkampf geworden, in dem die Wolfsgegner mit politischen Ämtern häufig genug vergleichbare Positionen vertreten wie in ihrem Kampf gegen Asylanten, „die Grünen“ und die „Wokeness“. Deshalb erscheint der Wolf mitunter auch als Sündenbock in der Auseinandersetzung über wirtschafts-, struktur- und gesellschaftspolitische Konzepte, die angeblich Wohlstand und Wachstum sichern sollen.
„Das historische Verhältnis zwischen Mensch und Wolf ist eine schwere Bürde für einen sachlichen Umgang“
John Linnell, Experte für Mensch-Wildtier-Konflikte vom Institut für Naturforschung (NINA), Norwegen
Vergleichen wir allerdings die immensen Schäden an unseren Wäldern, die eine verfehlte, profitgesteuerte und monostrukturell ausgerichtete Forstwirtschaft über Jahrzehnte und eine ebenso irregeleitete Jagdpolitik, deren Hauptinteresse der Beibehaltung hoher Wildbestände gilt, angerichtet haben, erscheinen die durch Wolfsrisse am edlen Wild verursachten Schäden marginal. Von den Schäden, die durch intensive Landwirtschaft und Fleischproduktion entstanden sind und weiterhin entstehen, ganz zu schweigen!
Deshalb kann die Herabsetzung des Schutzstatus des Wolfs alles in allem nur als krasse Fehlentscheidung und Sünde an der Natur bewertet werden. Sie darf keinesfalls Einfallstor für den Versuch sein, erste Erfolge der ökologischen Transformation zu gefährden und den Schutz von Artenvielfalt und Biodiversität infrage zu stellen. Das Schicksal der Wölfe in Deutschland und Europa und die Erhaltung einer lebenswerten Natur und Umwelt für uns und nachfolgende Generationen gehört untrennbar zusammen. Davon bin ich fest überzeugt – und dafür streiten Buch und Website.
Damian. Der Wolf ist in zwei Handlungsstränge mit sich abwechselnden Kapiteln aus beiden Bereichen aufgeteilt. Zum einen können Leserinnen und Leser die Reise des jungen Wanderwolfs von den niederschlesischen Wäldern in Polen quer durch Europa in die spanischen Pyrenäen begleiten. Die Strapazen und Herausforderungen, die er auf seiner instinktiven Suche nach einer Fähe zur Gründung eines eigenen Rudels bewältigen muss, stellen ihn vor große Aufgaben. Er überwindet eisige Gebirgspässe, durchschwimmt Flüsse, überquert Straßen und Bahngeleise und umgeht feindliche Rudel, die einen fremden Artgenossen bedingungslos töten würden. Immer auf der Hut muss er auch vor Menschen sein, die ihm als Wilderer nachstellen, ihn absichtsvoll verletzen wollen oder Fallen für ihn bereithalten. Seine Reise ist voller Gefahren und Überraschungen, und oft genug ist nicht er der Jäger, sondern der Gejagte.
In einem zweiten Handlungsstrang ordne ich die Geschichte und aktuelle Situation von Wölfen in einen größeren Zusammenhang ein und frage nach dem generellen Verhältnis des Menschen zu Tieren.
Auch wenn der Wolf eine einzigartige Spezies ist, teilt er das Schicksal vieler anderer Tierarten, die ebenso entrechtet und unserer Willkür ausgesetzt sind. Warum ist das so, warum betrachtet der Mensch Tiere nicht als gleichrangig? Weshalb finden die meisten Menschen nichts dabei, Tiere auszubeuten, zu verwerten und – wie in der Massentierhaltung in kulturell hoch entwickelten Gesellschaften – unter entsetzlichen Bedingungen wie Wegwerfartikel zu behandeln?
Selbst in Religionen, die nicht müde werden, Empathie gegenüber allen Geschöpfen zu predigen, stehen Tiere in der Regel weit unter dem Menschen. Der Begriff „Nutztier“, gebräuchlich in unseren Breiten vor allem für Schweine, Rinder, Ziegen, Schafe, Hühner und Puten, lässt tief blicken und demaskiert alle warmen Worte rund um „Tierwohl“ als das, was sie sind: knallhartes Marketing und Greenwashing im Dienst des Profits. Können uns neue ethische Grundsätze im Tier- und Naturrecht dabei helfen, diese Missstände zu beseitigen? Sie müssen es, wenn wir ohne Grausen in den Spiegel schauen wollen!
