Im Unterschied zur Wissenschaft mit ihren definierten Methoden und standardisierten Verfahren, die zur Analyse natürlicher Gegebenheiten und zur Dokumentation kritisch geprüfter Daten und Fakten angewendet werden, ist die Fachwelt freier. Gleichwohl ist ihre Expertise beim Thema Wolf unverzichtbar, weil sie aus den Kenntnissen und den Erfahrungen von Initiativen und engagierten Einzelpersonen besteht, die über viele Jahre zusammengetragen wurden. So ist theoretisches Know-how und Praxiswissen entstanden, das die Erfahrung aus zweieinhalb Jahrzehnten Arbeit für und über den Wolf in Deutschland und Europa verdichtet.
Fachstelle Wolf in Sachsen und DBBW
Hierbei stehen Behörden und Einrichtungen wie die Fachstelle Wolf beim Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie in vorderster Linie, weil hier aktuelle Nachrichten zum Beutegreifer in Sachsen sowie Informationen zu Herdenschutz und Monitoring zusammenlaufen und Politik und Öffentlichkeit präsentiert werden. Dabei sind behördliche Einrichtungen dieser Art auch wichtige Kommunikationskanäle für die Wissenschaft. So findet sich auf der Internetseite der Fachstelle auch ein Bereich des LUPUS Instituts aus Spreewitz mit dem Titel „Alles zu Sachsens Wölfen“. Der Buchautor hat mit einem Mitarbeiter der Fachstelle gesprochen, um sich deren Tätigkeit und Aufgaben erklären zu lassen. Letztlich ist die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) die wichtigste Database für alle Fakten und Daten rund um den Wolf in Deutschland und darüber hinaus.
Private Organisationen und Vereine
Zudem sind private Initiativen, die sich schwerpunktmäßig oder ausschließlich für den Schutz der Wölfe einsetzen, wie die Stiftung EuroNatur, die bereits 1991 gegründete Gesellschaft zum Schutz der Wölfe, der Verein Wolfsschutz Deutschland, der Freundeskreis freilebender Wölfe oder der Schweizer Wolfsschutzverein CHWolf Anlaufstellen für fundierte Informationen und Nachrichten über den Status und die Entwicklung der Wolfspopulationen in Zentraleuropa. Die jeweiligen Arbeitsschwerpunkte dieser Organisationen werden im Folgenden kurz vorgestellt.
Natur- und Umweltschutzverbände
Schließlich engagieren sich die großen Natur- und Umweltschutzverbände für den Artenschutz – und damit auch besonders für wildlebende Tiere in den letzten wenigen verbliebenen Wildnisgebieten Europas sowie in europäischen Kulturlandschaften. Hierzu stehen die Initiativen von WWF, NABU und BUND als Beispiele.
Überdies zeigen 75 NGOs mit ihrem offenen Brief an die EU-Mitgliedstaaten nach der Herabstufung des Schutzstatus der Wölfe ihre Entschlossenheit, gegen diesen Schritt vorzugehen und möglicherweise eine Verbandsklage vorzubereiten. Siehe dazu den Beitrag am Ende dieser Unterseite.
Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes (DBBW) zum Thema Wolf hat u.a. die Aufgabe, die Entwicklung der Wolfspopulation in Deutschland zu dokumentieren. Dazu greift sie auf die Monitoring- und Statusberichte der Bundesländer zurück, die für die einzelnen Monitoringjahre abgegeben werden. Die Population wird jeweils in die Bestimmungsgrößen „Rudel“, „Paar“ und „Einzeltier“ unterteilt. Ein Monitoringjahr reicht jeweils von 1. Mai bis zum 30. April des Folgejahres. Da die Reports, wie auf der Unterseite Wolfsmonitoring und Herdenschutz beschrieben wird, nach Ablauf des Monitoringjahres methodisch erstellt werden müssen, liegen die vollständigen Daten über die Wolfsterritorien meist erst zum Ende eines Kalenderjahres vor. Deshalb weist die Statistik der DBBW daraufhin, dass die Daten zu den letzten Monitoringjahren vorläufig sind und sich je nach aktuellem Kenntnisstand ändern können. Zum Teil haben die Meldungen zu neuen Vorkommen laut DBBW auch rückwirkende Konsequenzen für vorangegangene Monitoringahre, so dass sich dort beispielsweise die Zahl der Wolfspaare ändert.
Der DBBW präsentiert die Entwicklungsdynamik der Population
Die in der Bildfolge dargestellten sechs Monitoringjahre sind Screenshots (Aufnahme jeweils 02.08.2025, Kenntnisstand der DBBW jeweils 21.07.2025) und wurden dem animierten Diagramm auf der Website der DBBW entnommen, die insgesamt 26 Monitoringjahre (2000/01 – 2024/25) präsentiert.
In der hier vorliegenden komprimierten Darstellung der Populationsentwicklung in den als gesichert gekennzeichneten Wolfsterritorien kann die Entwicklungsdynamik vom ersten Rudel in Sachsen (2000/01) bis zu 209 Rudeln, 48 Wolfspaaren und 18 territorialen Einzeltieren in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen (2023/24) am besten nachvollzogen werden.
Nachdem im Monitoringjahr 2010/11 bereits 7 Rudel, 7 Paare und 6 territoriale Einzeltiere gezählt wurden, wuchs das Vorkommen der Beutegreifer bereits bis zum Monitoringjahr 2020/21 auf insgesamt 159 Rudel, 39 Paare und 22 territoriale Einzeltiere an, wobei 576 Welpen bestätigt wurden.
Der Verein Wolfsschutz Deutschland hat bei seiner Mitgliederversammlung am 9. August 2025 ausdrücklich darauf hingewiesen, dass aufgrund eigener Recherchen und Kenntnisse für das Monitoringjahr 2024/25 keinesfalls von mehr als 200 Wolfsrudeln in Deutschland ausgegangen werden könne. Denn die Herabsetzung des Schutzstatus des Wolfs habe bereits jetzt (Stand: August 2025) zum illegalen Abschuss von Einzeltieren und Paaren geführt. Dazu zeigt der Verein zahlreiche Beispiele in seinem Jahresbericht 2024/25. Den aktuellen Bestand an Rudeln schätzen die Experten deutschlandweit deshalb auf nicht mehr als 180.
Der DBBW-Statistik können über die Entwicklung der Wolfspopulation in Deutschland in der Karte der Territorien überdies auch eine Vorkommens- und Verbreitungsliste nach Bundesländern, Angaben zum jeweiligen Status und der Reproduktionsleistung der Rudel, ein Übersichtsdiagramm mit der Populationsentwicklung seit dem Jahr 2000 sowie Angaben zur kontinuierlichen Aktualisierung der bestätigten Wolfsterritorien entnommen werden.
Von Interesse sind darüber hinaus Daten über sogenannte Totfunde von Wölfen und die jeweiligen Todesursachen. Hierbei wird deutlich, dass in allen Monitoringjahren Verkehrsunfälle mit Wölfen jeweils zwischen 75 – 80 Prozent für den Tod von Tieren verantwortlich waren, etwa 10 Prozent der tot aufgefundenen Wölfe fielen illegaler Tötung zum Opfer und die restlichen Totfunde waren auf natürliche Ursachen zurückzuführen, auf die „Entnahme“ von „Problemwölfen“ im Rahmen des Wolfsmanagements oder sie konnten nicht geklärt werden. Die nachfolgend abgebildete Grafik zeigt die Statistik der insgesamt 1.274 registrierten Totfunde von Wölfen seit 1990.
Patrick Irmer hat kein „Grünes Abitur“, wie er lächelnd einräumt, sondern einen sozialwissenschaftlichen Hintergrund. Seine Dissertation schreibt er zum Thema „Vergleich zwischen der Wolfsdebatte und der Migrationsdebatte in Sachsen“. Vermutlich hätte er ein weniger heißes Eisen wählen können, da er zu diesem Thema aber mit Professorin Rebecca Pates von der Universität Leipzig gearbeitet hat, wollte er das heiße Eisen auch schmieden. Die Politikwissenschaftlerin Pates hat das Buch „The Wolves are coming back. The Politics of Fear in Eastern Germany“ (Die Wölfe sind zurück. Die Politik der Angst in Ostdeutschland) geschrieben und 2021 publiziert. Sollte es den Wölfen also tatsächlich so ergehen wie Flüchtlingen, vor denen Europa am liebsten Zäune und Mauern hochziehen würde (und dies in nicht allzu ferner Zukunft über Ungarn hinaus vielleicht auch tut)? Erwähnenswert jedenfalls ist es schon, dass sowohl der österreichische Wolfsforscher und Verhaltensbiologe Prof. Kurt Kotrschal als auch Wolfsexperten aus Sachsen sowie Wolfsschützer privater Initiativen die gleiche Assoziation teilen…
Die Arbeitsplatzbeschreibung von Irmer bei der Fachstelle Wolf ist schnell erzählt: „Ich bin seit 2022 für die Öffentlichkeitsarbeit sowie für Krisen- und Konfliktmanagement zuständig,“ sagt er. Dahinter steckt jede Menge Arbeit: „Bürger- und Presseanfragen beantworten (Presseanfragen zum Thema Wolf kommen täglich), Infoveranstaltungen planen, vorbereiten und durchführen und Referate ausarbeiten.“ Die Fachstelle liegt in Nossen, rund 40 Kilometer von Dresden entfernt, und damit strategisch günstig.
So können die sogenannten „Rissgutachter“, die im (Wolfs-)Schadensfall von Weidetierhaltern alarmiert werden, schnell in jede Region des Freistaats ausschwärmen, die Schäden aufnehmen, begutachten und dokumentieren. Die Fachstelle, so erklärt Irmer, ist ab 07:00 Uhr morgens über ein Notfalltelefon erreichbar. Geschwindigkeit bei der Aufnahme von „Schadensereignissen“, wie Wolfsrisse an Schafen und Ziegen häufig im Bürokratenjargon genannt werden, gibt schon das Anwesen vor, in dem die Fachstelle untergebracht ist: ein ehemaliges Gebäude der Autobahnpolizei.
Die Fachstelle Wolf beschäftigt elf Mitarbeiter, von denen fünf im Bereich der Rissgutachten arbeiten: Biologen, Forstwirte und eine Virologin. Diese nehmen das jeweilige Schadensereignis auf und sehen sich häufig mit dem Frust der betroffenen Nutztierhalter konfrontiert. Sie versuchen, Zusammenhänge zu erklären, aufgebrachte Gemüter zu beruhigen und für effektivere Herdenschutzmaßnahmen zu werben.
Die Fachstelle Wolf ist um die Verbesserung des Verständnisses für wildbiologische und ökologische Zusammenhänge bemüht
Hauptamtlich zuständig seit 2019 ist die Fachstelle Wolf auch für das sächsische Wolfsmanagement. Sie bündelt alle Aufgaben: die Öffentlichkeits- und Pressearbeit, die Erstellung und Dokumentation von Rissgutachten, die Konzeption und Durchführung von Herdenschutzseminaren. Diese informieren Tierhalter über praktische Vorkehrungs- und Schutzmaßnahmen und sollen die Akzeptanz für den Wolf und das Verständnis für wildbiologische und ökologische Zusammenhänge verbessern. „Denn der Wolf,“ weiß der Referent, „tut uns mehr Gutes, als dass er Schaden anrichtet.“
In diesem Zusammenhang sieht Irmer die Fachstelle auch in der Rolle der Politikberatung, die die Fachlichkeit hochhält. Das heißt: „Es muss um Daten und Fakten gehen, nicht um Gefühle und Stimmungen.“ Aber die Facharbeit, die in Nossen erledigt wird, sei häufig in Gefahr, in der politischen Debatte um den Wolf perspektivisch stark verwässert zu werden.
„Wir sind eine Artenschutz- und keine Wolfsschützerbehörde“
Dabei bemüht sich der Referent um eine möglichst neutrale Betrachtung der einzelnen Interessengruppen. So meint er, dass es keine „grundsätzlichen Gegner“ gegenüber dem Wolf und ebenso keine „grundsätzlichen Befürworter“ gebe. Deshalb erkläre er Jägern und Weidetierhaltern auch immer wieder, dass die Fachstelle Wolf eine Artenschutzbehörde sei, die Management betreibe und nicht etwa die „Wolfsschützerbehörde“, wie ihr mitunter entgegengehalten werde. Irmer: „Wir müssen Entscheidungen treffen, bestimmte Wölfe zu vergrämen oder gar töten zu lassen, wenn die Bedingungen dafür gegeben sind und beispielsweise Schäden derart zunehmen, dass es den Tierhaltern nicht mehr zuzumuten ist, mehr zu tun.“ Wenn sich die Fachstelle dem verweigern würde, so Irmer, verkaufe sie ihre Glaubwürdigkeit und gefährde den Schutz der Population. Deshalb resümiert er: „Ich bin kein Tierschützer, ich bin Artenschützer.“
Infolgedessen plädiert er auch für eine stärkere Einbindung der Jäger im Freistaat und macht darauf aufmerksam, dass es „eine ganze Reihe von Jägern gibt, die froh über den Wolf sind““. Wie das? „Weil der Staatsbetrieb Sachsenforst zwar Jäger beschäftigt, aber in erster Linie Forstwirtschaft betreibt. Jeder Groß-Prädator wird deshalb mit Kusshand begrüßt, weil hier das Denken ‚Wald vor Wild‘ vorherrscht.“ Ganz anders als private Jagdpächter, die im Wolf einen wirtschaftlichen Konkurrenten erkennen. Ihre Begründung: Man sehe kein Wild mehr! Irmer: „Bei Reh- und Rotwild gibt es keine rückläufigen Bestände, aber das Mobilitätsverhalten der Tiere hat sich infolge der Anwesenheit des Wolfs verändert. Sie sind vorsichtiger geworden und halten sich nicht mehr so lange an einem Ort auf. Trotzdem sind die Jagdstrecken aus Sicht von Privatjägern nach wie vor gut.“ Allerdings gebe es seit einigen Jahren Einbrüche beim Schwarzwild, was aber auf die Afrikanische Schweinepest (ASP) zurückzuführen sei (auf diesen Punkt kommt der Beitrag an späterer Stelle zurück).
Irmer berichtet von seinen Erfahrungen bei Veranstaltungen zum Wolf: ”Beispielsweise bin ich häufig bei Versammlungen von Jagdgenossen-schaften dabei, in denen es am Anfang oft heiß hergeht und Forderungen nach dem Abschuss von Wölfen gestellt werden. Im Laufe der Veranstaltung wird es meistens ruhiger, und viele Jäger melden sich dann bei mir, wenn sie den Wolf mal auf ihrer Wildtierkamera gesehen haben. Dann zeigen sie sich plötzlich sehr interessiert.“
”Weidetierhalter und Jäger pflegen keine grundsätzliche Feindschaft gegenüber Wölfen“
Bei den Tierhaltern sei es ähnlich. Auch bei ihnen gebe es keine grundsätzliche Feindschaft gegenüber Wölfen. Im Gegenteil kenne er eine Reihe von Tierhaltern, die nach der Anpassung ihrer Betriebsstruktur an die neuen Herausforderungen nichts mehr gegen den Wolf hätten. „Sie haben heute zwar mehr Aufwand,“ erläutert Irmer, „sagen aber ganz klar, dass sie als Tierhalter dem Tierschutz verpflichtet sind, und deshalb ihre Weidetiere vor Prädatoren schützen müssen. Diese Tierhalter betrachten den zusätzlichen Aufwand also als ganz normal.“ Übrigens müsse gerade in der Zeit der sogenannten ”Ablammung“ (wenn die Muttertiere ihren Nachwuchs gebären) die Herde vor allem vor Füchsen geschützt werden.
Warum sich manche Weidetierhalter trotzdem gegen Herdenschutzmaßnahmen, vor allem also gegen den Aufbau von Elektroschutzzäunen wehrten, hänge nicht selten mit der demographischen Situation zusammen: „Wir sehen einen überalterten Berufsstand. Der Schäfer, der noch ein paar Jahre bis zur Rente hat und pro Koppel 500 Tiere betreuen muss, kriegt den Aufwand für zusätzliche Herdenschutzmaß-nahmen kaum hin, da er auch keine Unterstützung durch einen Betriebs-nachfolger hat.“ Und was dieses Problem noch verschärfe, sei der Umstand, dass die Flächenprämien, die die Öffentliche Hand bezahle, häufig nicht an die Tierhalter weitergegeben würden.
Die Arbeit des Referenten an der Fachstelle Wolf könnten wir mit der eines Feuerwehrmanns vergleichen, der ständig neue Flammenherde der Empörung über Wolfsrisse an Weidetieren löschen muss, aber auch mit der eines Mediators zwischen Vertretern gegensätzlicher Interessen. Ferner könnten wir ihn als Politikberater verstehen, der versucht, politischen Entscheidern fachliche Grundlagen zu vermitteln, und letztlich als Aufklärer für die breite Öffentlichkeit über die Effizienz von Herdenschutzmaßnahmen. Wahrlich ein komplexer Aufgabenmix!
Die Eindämmung der Afrikanischen Schweinepest durch die Errichtung von nicht elektrifizierten Zäunen über viele hundert Kilometer haben die Risszahlen erheblich gesteigert
Dabei tut gerade die Aufklärung über wesentliche Zusammenhänge Not: „So muss doch beispielsweise darüber informiert werden,“ betont er, „warum die Risszahlen im Gebiet der Königshainer Berge (eine Region in der östlichen Oberlausitz) so stark angestiegen sind.“ Denn dafür sei die Afrikanische Schweinepest (ASP) verantwortlich – oder besser: die Versuche des Menschen, die ASP einzudämmen. Irmer: „Dazu wurden hier hunderte Kilometer an Festzäunen installiert. Wohlgemerkt sind das unelektrifizierte Zäune, die den Lebensraum aller Wildtiere zerschneiden.“ Die Folge: Wildtiere lernen das Überwinden von Zäunen, um ihren angestammten Routen weiterhin folgen zu können. „Zudem,“ so Irmer, „werden diese Zäune bis an die jeweiligen Grenzen von Ortschaften gezogen und haben damit eine Lenkungsfunktion. Das hat dazu geführt, dass seit 2022 Wölfe vermehrt in den Ortschaften auftauchen. Kein Wunder, denn von einer Nacht auf die andere wurden ihre Territorien zerschnitten!“
Wie dumm und uninformiert erscheinen in diesem Zusammenhang Pressemitteilungen und YouTube-Videos über Wölfe, die angeblich „immer näher an menschliche Siedlungen“ herankommen!
An den Telemetriedaten von besenderten Wölfen könne das sehr gut nachvollzogen werden. Denn diese zeigten, dass Wölfe „exkursionsartige Ausflüge“ unternähmen, um die Zäune zu umgehen. Deshalb sähen ihre Territorien und Bewegungsprofile mit einem Mal wie Polygone aus. Besonders aufgefallen sei das beispielsweise bei einer besenderten Fähe, die immer wieder versucht habe, einen der Zäune zu überwinden. Nach etlichen Anläufen habe sie den Zaun mit einer Höhe von 1,70 Metern schließlich übersprungen. Das hätten auch andere Wölfe gelernt, und im Ergebnis seien die Risszahlen explodiert. Irmer: „Die nicht elektrifizierten Schutzzäune gegen die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest durch Wildtiere sind in dieser Region für ein Viertel aller Risse bei einem Drittel aller Tierhalter verantwortlich!“ Schuld daran trage aber nicht der Wolf. Vielmehr seien die Probleme hausgemacht. – Wer weiß das schon, wenn er sich fachlich nicht damit beschäftigt?
Die Argumenation mit dem „Schwedischen Modell“ ist aus vielerlei fachlichen Gründen falsch
Gleichwohl sind vor dem Hintergrund steigender Schäden an Weidetieren Forderungen nach einem „aktiven Bestandsmanagement“ laut geworden, so der Referent. Dabei werde sich in der Praxis zeigen, dass das nicht funktioniert. Warum? Weil der Wolfsdruck, also die Zuwanderung weiterer Beutegreifer, bleiben wird.
Was Irmer ärgert, ist die Argumentation mit dem sogenannten „Schwedischen Modell“ (Schweden hat 2022 die Lizenzjagd wieder eingeführt und alleine 2025 bisher schon 75 Wölfe zum Abschuss freigegeben, um die Population drastisch zu verkleinern). Irmer: „Das Beispiel Schweden interessiert doch überhaupt nicht, da wir dort ein ganz anderes Relief vorfinden. Wir haben dort erstens mehr Wildnis mit riesengroßen Waldflächen, zweitens keine hohen Beutetierbestände und drittens große Wolfsterritorien zwischen 1.000 und 1.500 Quadratkilometern, während diese bei uns im Schnitt 200 Quadratkilometer messen.“ Außerdem lebten in Skandinavien noch indigene Bevölkerungsgruppen mit alten Jagedrechten, zum Beispiel wegen der Rentierzucht. „All diese Kontextinformationen werden aber ausgeklammert, und es wird behauptet, das Schwedische Modell sei sinnvoll, schüttelt Irmer den Kopf. Dabei verhalte es sich damit doch wie mit vielen anderen Aspekten der Debatte über den Schutz des Wolfes: Besonders vor Wahlen stehe das Tier im Mittelpunkt der Diskussion, und politische Entscheider hätten offensichtlich den Eindruck, Härte demonstrieren zu müssen. „Dabei,“ so Irmer, „hätte Deutschland nicht für eine Absenkung des Schutzstatus stimmen dürfen, wenn es auf die eigene Landkarte geschaut hätte.“
Die Qualität der Medienberichterstattung hat sich erheblich verschlechtert
In seiner Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beobachtet der Referent der Fachstelle Wolf eine signifikante Verschlechterung der Qualität der Berichterstattung in den Medien über das Thema Wolf. „Anfang 2022,“ so erinnert er sich, „gab es noch eine ganze Reihe von engagierten Lokalredaktionen, die auch differenzierte Beitrage geschrieben haben. Die haben sich bei Schadensereignissen nicht nur mit dem Tierhalter unterhalten, sondern auch einmal beim Bund für Umwelt und Naturschutz oder bei anderen Naturschutzverbänden angerufen. Das hat sich sehr geändert!“ Wenn die Fachstelle nach Nutztierrissen heute Redaktionen zum Beispiel darüber informiere, dass die Weidetiere nicht nach guter fachlicher Praxis geschützt waren, werde das den allermeisten Fällen nicht wiedergegeben.
Andererseits aber sorgten Medien für Aufregung und Unsicherheit in der Bevölkerung. So weiß Irmer gar nicht mehr zu sagen, wie oft er die Frage bei Veranstaltungen höre: „Kann ich mein Kind denn noch alleine in den Wald lassen?“ Irmer: „Ich stelle dann immer die Gegenfrage: Warum wollen Sie eigentlich Ihr Kind im Alter von sieben oder acht Jahren alleine in den Wald lassen? Sie haben doch eine Aufsichtspflicht für Ihre Kind, grundsätzlich und zu jeder Zeit!“
All das zeigt nach Ansicht des Sozialwissenschaftlers, wie sehr die Einstellung vieler Menschen gegenüber dem Wolf evolutionsbiologisch von Ängsten geprägt ist.
Hier finden sich wichtige Organisationen, die sich ausschließlich oder unter anderem dem Schutz frei lebender Wölfe verschrieben haben. Diese werden in einem Kurzprofil – falls möglich, mit eigenen Worten –, dargestellt. Die Logos führen jeweils zur Website der Organisation.
Organisation
„Europas wilde Tiere schützen, ihre Lebensräume bewahren und den Menschen vor Ort eine naturverträgliche wirtschaftliche Perspektive bieten: Dafür setzen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von EuroNatur ein. Seit Gründung der Stiftung haben wir ein schlagkräftiges Netzwerk aus Partnerorganisationen, WissenschaftlerInnen und Naturschutzpraktikern in Europa aufgebaut.“
Zentrale Themen und Aufgaben
Bereitsellung von Informationen in den Bereichen
♦ Bär, Wolf und Luchs in Europa
♦ Europas Urwälder
♦ Europas Flüsse
♦ Grünes Band Europa
♦ Europas Zugvögel
♦ Naturschutzpolitik in Europa
Organisation
„Wir schützen die deutschen Wölfe durch Öffentlichkeitsarbeit, konstruktive Kooperation mit allen beteiligten öffentlichen und nicht-öffentlichen Stellen sowie durch ideelle und materielle Hilfsmaßnahmen für betroffene Bevölkerungsgruppen.
Zentrale Themen und Aufgaben
♦ Wissensvermittlung mit Hilfe von Seminaren, Broschüren und Dossiers
♦ Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation
♦ Sammlung von Spenden
Organisation
„Unser als gemeinnützig anerkannter Verein Wolfsschutz-Deutschland e. V. versteht sich als überparteilich und überkonfessionell. Wir setzen uns aktiv für die frei lebenden Wölfe in Deutschland ein. Wir haben uns gegründet, um die Wölfe in Deutschland auch vor einer übergriffigen Lobby aus der Agrar- und Jägerschaft zu schützen und auch anderen Verbänden und Vereinen, die teilweise selbst Funktionäre und Vorstände aus der Jägerschaft in der Leitung haben, in puncto „legalen“ Wolfsabschüssen zu widersprechen.
Solange Wolfsabschüsse als Problemlösung angeboten werden, so lange wird darauf hingearbeitet, Abschüsse zu kreieren. Vielmehr sollten überall in Deutschland Herdenschutzmaßnahmen in einem unbürokratischen, einheitlichen System
übernommen werden. Wir befürworten auch das Ende der Hobbyjagd in Deutschland.“
Zentrale Themen und Aufgaben
♦ Bereitstellung von fachlichen Informationen über Wesen und Verhalten der Wölfe
♦ Aufklärungsarbeit auf allen Kanälen und Entlarvung von Falschmeldungen
♦ Informationsarbeit für das Ziel einer friedlichen Koexistenz zwischen Menschen und Wölfen
Organisation
„Anlässlich eines Seminars über die sich in der Lausitz neu ansiedelnden Wölfe, das im Jahr 2004 unter der Leitung von Gesa Kluth und Ilka Reinhardt vom Lupus Institut für Wolfsmonitoring und Forschung, stattfand, wurde der Verein zunächst unter dem Namen „Freundeskreis Wölfe in der Lausitz e.V.“ gegründet. Die Teilnehmer waren von der Arbeit der beiden Referentinnen fasziniert und überzeugt. Sie entschlossen sich spontan die Erforschung und den Schutz der Wölfe im Rahmen eines gemeinnützigen Vereins zu unterstützen.
Unsere Mitglieder kommen aus dem gesamten Bundesgebiet, sowie einigen europäischen Nachbarländern und gehören den unterschiedlichsten Alters- und Berufsgruppen an. Gemeinsam arbeiten wir daran, dass die freiwillige Rückkehr der Wölfe nach Deutschland, aber auch in andere europäische Länder langfristig gelingen und zu einem guten, möglichst konfliktfreien Miteinander führen möge.“
Zentrale Themen und Aufgaben
♦ Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung mit Infoständen, Veranstaltungen und digitalen Informationen
♦ Beratung von Nutztierhaltern und Weiterentwicklung im Herdenschutz
♦ Bereitstellung von Informationen über Biologie und das Verhalten der Wölfe mithilfe von wissenschaftlich belegbaren Fakten
Organisation
„Der Verein CHWOLF mit Sitz in Einsiedeln, Kanton Schwyz, ist ein Schweizer Wolfschutzverein der sich für den Naturschutz und ganz im Speziellen für den Schutz unserer einheimischen Grossraubtiere und für ein konfliktarmes Zusammenleben von Mensch und Wolf einsetzt. Wölfe sind ein wichtiges Glied im gesamten Ökosystem und ihre Anwesenheit hat einen markanten Einfluss auf die Artenvielfalt sowie die Gesundheit der Flora und Fauna. Wo es Wölfe gibt, sind Wald und Wildbestand gesünder und unzählige andere Lebewesen profitieren von den zurückgelassenen Beuteresten.
Wir Menschen sind für den pelzigen Rückkehrer aber noch nicht ganz bereit. Wir haben verlernt, mit ihm zu leben und viele Schafherden sind noch immer ungenügend bis gar nicht geschützt.
Deshalb brauchen unsere Wölfe die lautstarke Stimme von CHWOLF, die die Menschen über Nutzen und Wesen der Wölfe, ihr Verhalten und ihre Lebensweise aufklärt und ein friedliches Zusammenleben von Mensch und Wolf aktiv und tatkräftig fördert. Darum setzen wir uns mit all unserem Herzblut für den Schutz der Wölfe in der Schweiz ein.
Zentrale Themen und Aufgaben
♦ Umweltaufklärung und Information der Bevölkerung
♦ Unterstützung und Begleitung von Herdenschutzprojekten
♦Politisches und rechtliches Engagement für den Wolf
Organisation
„Wildtierschutz Deutschland ist eine in Ihrer Ausrichtung einzigartige Tier- und Naturschutzorganisation, die sich für Wildtiere, ihre Lebensräume und für die Abschaffung der Freizeitjagd einsetzt.
Der Verlust von intakten Naturräumen geht einher mit dem Rückgang der Biodiversität. Auf diese von uns Menschen geschaffenen Probleme möchten wir aufmerksam machen, um Wildtieren zu helfen und ihre Existenzgrundlage zu schützen. Wir möchten erreichen, dass Menschen Verantwortung übernehmen, auch auf der Ebene von politischen Entscheidungen, und mit Weitsicht im Hinblick auf unseren Planeten und das schützenswerte Leben darauf agieren. In den von uns unterstützten Wildtierstationen bekommen die Tiere, die verletzt oder zu Waisen wurden, eine zweite Chance: Wir nehmen Jahr für Jahr viele in Not geratene Füchse, Marder, Rehe, Eichhörnchen, Igel, Vögel, Wildkatzen und andere Wildtiere auf, versorgen sie und bereiten sie sorgfältig auf die Auswilderung vor. Diese Arbeit erfordert sehr viel fachkundige, intensive Betreuung, die wir auch in Zukunft noch weiter ausbauen möchten, um möglichst vielen Tieren ein sicheres Zuhause auf Zeit geben zu können.
Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern setzen wir uns für eine Änderung der Jagdgesetzgebung ein. Die wildtierfeindliche Einstellung weiter Teile der Politik, der Jagd und der Forstwirtschaft muss sich ändern, weil sie nicht mehr der unserer heutigen Gesellschaft entspricht. So sind einige unserer Forderungen in den vergangenen Jahren bereits in die Gesetzgebung eingeflossen.“
Zentrale Themen und Aufgaben
♦ Bereitstellung von wissenschaftlichen Fakten über die Jagd – eine Freizeitbeschäftigung, die Leiden schafft
♦ Beiträge zum Wolf und zu seiner Funktion in gesunden Ökosystemen
♦ Aufklärungsarbeit für einen strengen Schutz des Wolfes
Die „großen“ Natur- und Umweltschutzverbände sind nicht nur dem Artenschutz, sondern der Bewahrung aller natürlichen Lebensgrundlagen verpflichtet. Deshalb finden sich im Tätigkeitsportfolio dieser Organisationen auch Aktivitäten für den Wolf. Dies jedoch in unterschiedlichem Umfang und in unterschiedlicher Intensität.
Engagement für Wölfe
Der Link vom Logo des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) führt zur Broschüre „Standpunkt 20 – Wölfe und Weidetiere: Nebeneinander statt Gegeneinander“. Der Inhalt der Publikation: Die Broschüre beleuchtet die „Herausforderungen und Chancen eines Zusammenlebens von Wölfen und Weidetieren in Deutschland. Sie setzt sich kritisch mit der Diskussion um Bestandsobergrenzen, Jagdzeiten und die Herabstufung des Schutzstatus von Wölfen auseinander. Denn Jagd ersetzt keinen Herdenschutz!
Fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse und internationale Erfahrungen zeigen, warum flächen-deckender Herdenschutz die Schlüsselrolle bei der Reduktion von Nutztierrissen spielt und warum generell die Wolfsjagd keine nachhaltige Lösung bietet. Die Broschüre liefert praxisnahe Empfehlungen und skizziert Wege für ein konfliktarmes Nebeneinander von Naturschutz und Weidetierhaltung.“
Engagement für Wölfe
Ein Klick auf das Logo des Naturschutzbund Deutschland führt zum „Nabu-Positionspapier Wolf“. Die Forderungen und Standpunkte des Papiers:
♦ Wolfsmanagement – wissenschaftlich basiert und einheitlich
♦ Vorbeugender Herdenschutz – flächendeckend und praktikabel
♦ Wirksamer Artenschutz – juristisch klar geregelt und konsequent
Engagement für Wölfe
WWF Deutschland formuliert: „Obwohl Wölfe sehr mobil sind, kann die Zerstückelung der Lebensräume ihre genetische Vielfalt beeinträchtigen. Zudem fallen Wölfe hierzulande immer wieder dem Straßenverkehr und illegalen Abschüssen zum Opfer. Weil Wölfe auch Nutztiere reißen, begegnen Schäfer und Landwirte den Neuankömmlingen oft noch skeptisch. Durch seine lange Abwesenheit wurde verlernt, mit dem Wolf als Mitglied der heimischen Tierwelt umzugehen.
Damit sie bleiben können, brauchen sie vor allem eines: Akzeptanz.
♦ Information statt Vorurteile: Mit Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung versuchen wir, Vorurteile gegenüber dem Wolf abzubauen. In einigen Regionen hat er sogar das Potenzial zum touristischen Aushängeschild.
♦ Monitoring ermöglicht Schutz: Der WWF unterstützt das Wolfsmonitoring durch Fotofallen und Erkundungstouren von Spezialisten. So können wir den Aktionsradius der Rudel bestimmen und Schutzmaßnahmen entwickeln.
♦ Konflikte lösen und ihnen vorbeugen: Notwendige Schutzmaßnahmen, zum Beispiel für Schafherden, schaffen Akzeptanz für den Wolf. Der WWF entwickelt wirksame Mittel und unterstützt Betroffene bei der Umsetzung.“
Initiativen und Organisationen entstehen häufig aufgrund der Motivation von Einzelpersonen, die sich für ein spezielles Anliegen intensiv engagieren. Beim Schutz von Wölfen und anderen Wildtieren ist das ebenso wie in anderen Themenfeldern. Um für engagiere Einzelpersonen Aufmerksamkeit zu schaffen und Ihnen einen Platz in der Wolfscommunity zu geben, werden diese hier als Wolfsschutz-Aktivisten vorgestellt. Ich weiß, dass der Begriff Aktivismus nicht unbedingt positiv konnotiert ist und mit radikalen Positionen in Verbindung gebracht wird. So wird Klima-Aktivisten eine eindimensionale Überbetonung der Folgen des Klimawandels vorgehalten, die sie allen anderen und auch bedeutenden Themen wie beispielsweise der wirtschaftlichen Entwicklung unterordnen würden. Wer sich aber den globalen Unverstand und die Radikalität vor Augen führt, mit der fortwährend Natur und Arten vernichtet werden, mag nachvollziehen, dass ich ein entschiedenes und aktives Eintreten für Wildtiere und ihre Lebensräume grundsätzlich positiv bewerte und die Bezeichnung von engagierten Einzelpersonen als Aktivisten aus meiner Sicht korrekt ist. Die Präsentation von Personen, die im Wolfsschutz aktiv sind, wird an dieser Stelle kontinuierlich fortgesetzt.
Lucie Wuethrich ist Autorin und Campaigner aus Bern. Sie hat an der London School of Journalism studiert und schreibt über Themen wie Natur und Wildlife. Der hier veröffentlichte und aus dem Englischen übersetzte Beitrag mit dem Titel Lebensangst Austria ist Teil eines Texts über die radikale Politik von Wolfsabschüssen in Österreich.
Schreiender Wolf – Österreich nimmt seine fragile Wolfspopulation ins Visier
Um die Wende zum 19. Jahrhundert waren die Wölfe in Österreich bis zur Ausrottung gejagt worden. Die jüngsten Veränderungen in der öffentlichen Haltung und im Rechtsschutz führten dazu, dass sie sich auf Zehenspitzen aus dem Balkan und den Karpaten im Osten zurückzogen und dem Alpenbogen aus dem Westen folgten.
Das erste Rudel formierte sich 2016 in Niederösterreich. Es dauerte weitere 8 Jahre und mehr Wanderwölfe, um in den österreichischen Alpen entlang der Grenze zwischen Kärnten und Tirol Familien zu gründen. Bis 2024 wurden in allen Bundesländern mit Ausnahme von Wien rund 102 Wölfe gesichtet. Das Land zählt jedoch nur neun registrierte Rudel, von denen vier im Alpenraum und fünf weitere im Flachland leben.
Österreichs Wolfspopulation ist klein, zersplittert und fragil. Experten gehen davon aus, dass 100 Rudel benötigt werden, damit die Population den günstigen Erhaltungszustand (FCS) erreicht, der von der FFH-Richtlinie und der Berner Konvention vorgeschrieben ist, die beide von Österreich ratifiziert wurden.
Das Land ist kaum von Wölfen überrannt, aber die Anti-Wolfs-Rhetorik nimmt zu
Österreich hat sich vehement dafür eingesetzt, den Schutzstatus des Wolfes auf EU-Ebene herabzusetzen, und die Länder Salzburg und Tirol haben bereits ihre Jagdgesetze geändert, um den Wolf zu einer jagdbaren Art zu machen. Andere Bundesstaaten überdenken ihre Jagdpolitik. Im Jahr 2022 ist Kärnten das erste Land, das die Nutzung von umstrittenen Infrarotgeräten erlaubt, die lange Zeit verboten und verpönt waren.
Kugeln sind in Österreich bereits die häufigste Todesursache bei Wölfen
Im vergangenen Jahr wurden 13 Wölfe legal erschossen. Die Zahlen für illegale Tötungen können nur vermutet werden, stehen aber im Verdacht, dass sie hoch sind, da andere große Raubtiere routinemäßig gewildert werden. Experten warnen, dass die derzeitige Abschussrate die genetische Vielfalt der Wolfspopulation und ihre FCS bedroht.
Die Behörden hören nicht zu
Vierzehn Wölfe wurden in diesem Jahr erschossen, weitere werden folgen. Allein das Land Tirol hat 18 Tötungsbefehle für sogenannte Risikowölfe erlassen. Dieser Begriff, der eher aus subjektiven, politischen Vorurteilen als aus überzeugenden wissenschaftlichen Argumenten besteht, wird auf jeden Wolf angewendet, der sich einem Gebäude oder einer Weide bis auf 200 m nähert und nicht auf Händeklatschen oder blinkende Lichter reagiert.
Man fragt sich, wie viele dieser Behauptungen tatsächlich begründet sind – und unvoreingenommen (erhoben wurden)
Doch die 300 Schafe – aus weitgehend ungeschützten Herden –, die im Jahr 2024 von Wölfen getötet wurden, haben den wahnsinnigen Vorwurf genährt, dass blutrünstige Raubtiere keinen Platz in Österreichs Kulturlandschaft haben.
Keine Entschuldigung für die Vernachlässigung von Nutztieren
Es gibt keine Entschuldigung dafür, Tiere schutzlos grasen zu lassen, vor allem im Flachland. Es könnte in der Tat als Tierquälerei ausgelegt werden. Genauso wie die Vernachlässigung, die zusammen mit Unfällen, Krankheiten und extremen Wetterbedingungen zehnmal mehr Nutztiere tötet als dies Wölfe tun.
Doch Landwirte und Politiker wehren sich hartnäckig gegen nicht-tödliche Herdenschutzmaßnahmen und die damit verbundenen EU-Subventionen.
Es ist so viel einfacher, Wölfe zu beschuldigen und zu erschießen…
… Diese ewigen und ach so bequemen Sündenböcke.
Nach der Herabstufung des Schutzstatus von Wölfen durch die EU haben mehr als 75 NGOs im Juli 2025 einen offenen Brief an die EU-Mitgliedstaaten verschickt. Darin formulieren sie, dass dieser Schritt einer soliden rechtlichen und wissenschaftlichen Grundlage entbehrt und durch bevorstehende Urteile des Europäischen Gerichtshofs aufgehoben werden könnte. Auf der Website der österreichischen Organisation mensch.fair.tier kann die PDF u.a. heruntergeladen werden.
