Wölfe und Menschen, zwei auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Spezies, haben eine gemeinsame Geschichte über viele tausend, wahrscheinlich sogar über mehrere zehntausend, Jahre. Diese gemeinsame Geschichte ist eine historische Beziehung, die sie miteinander verbindet. Irgendwann in diesem langen Zeitraum haben beide Spezies damit begonnen, sich einander anzunähern. Der offensichtlichste Beleg dieser Annäherung ist die Domestizierung von Wölfen zu Hunden, die sich vermutlich über viele tausend Wolf-Mensch-Generationen hingezogen hat.
Was weiß die Wissenschaft heute über diese spannende und abenteuerliche Epoche der Menschheitsgeschichte? Wie ist der Stand der Forschung?
Wann könnte die gemeinsame Geschichte von Wolf und Mensch begonnen haben?
Erste Hinweise auf die Wahrnehmung der Umwelt durch den Menschen geben Höhlenmalereien. In Wandbildern voller figürlicher, teilweise naturalistischer aber auch abstrakter, Darstellungen von Tieren sowie Mischwesen aus Mensch und Tier haben unsere Vorfahren ihre natürliche Umwelt abgebildet. Über die ersten Höhlenmalereien gibt es unterschiedliche zeitliche Angaben – je nachdem, welche frühe Darstellungen des Menschen entdeckt wurden und werden. So wird die älteste bislang bekannte Höhlenmalerei auf 73.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung datiert. Dabei handelt es sich um eine Höhle in Kapstadt, Südafrika. 64.000 Jahre alt sind Wandbilder in drei Höhlen in Spanien, die dem Neandertaler zugeordnet werden: in La Pasiega im nordspanischen Kantabrien, bei Maltravieso in der Extremadura sowie im andalusischen Ardales unweit von Málaga. „Das älteste bisher entdeckte figürliche Felsenbild unserer Vorfahren,“ so heißt es in einer Übersicht von ARD alpha weiter, „ist 45.500 Jahre alt. Es zeigt mehrere Sulawesi-Pustelschweine in rötlicher und dunkelpurpurner Farbe. Entdeckt wurde es 2017 von einem australischen Forscherteam auf der Insel Sulawesi, die Datierung folgte 2021. Wie im Magazin „Spektrum der Wissenschaft“ nachzulesen ist, wurden die Sulawesi-Pustelschweine vor kurzem jedoch von einem kaum sichtbaren Handnegativ, das Menschen der Gattung Homo sapiens vor mindestens 67 800 Jahren mit dem Mund an eine Höhlenwand auf der Insel Muna (in der Region von Sulawesi) gesprüht hatten, getoppt.
Weitere figürliche Darstellungen mit einem Alter von etwa 40.000 bis 35.000 Jahren fanden sich 2014 auf der indonesischen Insel Borneo, die seither als die ältesten Werke dieser Art gelten. In Europa machte die Tropfsteinhöhle von Pech-Merle in Frankreich mit Zeichnungen von getupften Pferden sowie mit insgesamt 179 Tierporträts von sich reden, die auf ein Alter von etwa 19.000 Jahren datiert werden. Gut doppelt so alt – die Datierung liegt bei etwa 37.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung – sind die in der weltberühmten Chauvet-Höhle bei Vallon-Pont-d’Arc in Südfrankreich entdeckten mehr als 400 Wandbilder von Tieren.“
Unter Büffeln, Pferden, einem Mammut sowie Hyänen und Panthern findet sich dort auch – ein Wolf. Nach dem aktuellen Wissensstand handelt es sich dabei also um die älteste Darstellung des Beutegreifers, die zwischen 37.000 bis 40.000 Jahren vor unserer Zeitrechnung von Menschen angefertigt wurde.
Natürlich kann heute nur darüber spekuliert werden, wie lange es tatsächlich dauerte, bis sich aus der ersten künstlerischen Darstellung des Wolfs durch den Menschen eine nähere Beziehung zwischen beiden Spezies entwickelte. Die Fachstelle Wolf beim Sächsischen Staatsministerium für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft legt den Zeitraum aber offensichtlich zu weit in die Vergangenheit zurück, wenn sie behauptet, dass „Höhlenmalereien beweisen, dass schon vor 50.000 Jahren, möglicherweise noch früher, Menschen begannen, sich für Wölfe zu interessieren und ihr Verhalten zu beobachten“. Bleiben wir also bei rund 35.000 bis 40.000 Jahren der ersten beidseitigen Kenntnisnahme. Davon geht – mit der Mehrheit der Experten – auch Prof. Kurt Kotrschal in seinem 2012 erschienen Buch Wolf, Hund und Mensch. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung aus.
Wer aber machte den ersten Schritt zu einer näheren Bekanntschaft: Wolf oder Mensch?
Es dauerte wohl rund 20.000 weitere Jahre, bis einzelne Wolfsindividuen während der letzten Eiszeit vom Menschen domestiziert wurden. Wo dies aber geschah, nur an einem Ort oder zugleich an mehreren Orten, war bis vor wenigen Jahren noch nicht klar. Deshalb machte sich 2020 ein internationales Forscherteam an die Arbeit, um „72 Genome von Wölfen, die in den letzten 100.000 Jahren in Europa, Sibirien und Nordamerika gelebt haben“ zu analysieren. Diese, in der Zeitschrift Nature zuerst veröffentlichte und danach in National Geographic wiedergegebene Studie, trug dazu bei, dass sich die Wissenschaft ein „detailliertes Bild von der Abstammung der Wölfe im Laufe der Zeit machen“ konnte.
„Die Analysen zeigten,“ wird in National Geographic weiter berichtet, „dass sowohl die frühen als auch die modernen Hunde den alten Wölfen in Asien genetisch ähnlicher sind als denen in Europa.“ Das lasse darauf schließen, dass ihre Domestizierung wahrscheinlich in Asien stattgefunden habe. Überraschend jedoch ist die Entdeckung der Forscher, dass Hunde „von mindestens zwei verschiedenen Wolfspopulationen abstammen. So scheinen frühe Hunde aus Nordost-Europa, Sibirien und Amerika ihren alleinigen Ursprung in Asien zu haben. In das Erbgut früher Hunde aus dem Nahen Osten, Afrika und Südeuropa hatten sich jedoch Gene einer Population gemischt, die mit den modernen südwesteurasischen Wölfen verwandt ist“.
Welche Erklärung gibt es für die doppelte Abstammung? In der Studie heißt es: „Zum einen könnte es sein, dass Wölfe unabhängig voneinander sowohl im östlichen als auch im westlichen Eurasien domestiziert wurden und sich später miteinander gemischt haben. Zum anderen wäre es möglich, dass die Domestizierung nur einmal stattfand und sich die frühen Hunde später, nachdem sie mit den Menschen an andere Orte gezogen waren, dort mit wilden Wölfen verpaarten.“ Welches der beiden Szenarien zutreffe, könne derzeit aber nicht sicher bestimmt werden.
Damit ist die Frage, welche Spezies sich zuerst auf die andere zubewegte – also der Mensch oder der Wolf – noch nicht beantwortet. Dazu heißt es auf dem Portal von chwolf.org: „Vor ca. 16.300 Jahren, als die Domestikation vom Wolf zum Haushund begann, lebten Mensch und Wolf nebeneinander als Grosswildjäger. Die Menschen hielten zu dieser Zeit noch kein Vieh und ernährten sich von der Jagd. Mensch und Wolf bejagten dieselben Beutetiere. Doch solange diese in genügender Anzahl vorhanden waren, war der Wolf nicht der Erzfeind des Menschen. Die Annäherung des Wolfes an den Menschen erfolgte wahrscheinlich dadurch, dass sich Wölfe den Lagerstätten der Menschen näherten, weil dort für sie fressbare Abfälle anfielen. Geduldet wurden sie, weil sie die Siedlungen sauber hielten. So lebten Wolf und Mensch wahrscheinlich über viele Jahrhunderte zu Nutzen beider gemeinsam und doch auf Abstand nebeneinander.“
Eine enge Beziehung, wie sie für die Domestikation nötig gewesen sei, sei wahrscheinlich erst dann entstanden, als verwaiste Wolfswelpen gefunden wurden und von Menschen aufgezogen worden seien, folgern die Autoren. „Da es damals noch keine melkbaren Haustiere gab, müssen die Welpen von Frauen gestillt worden sein. Sicher zog es die Mehrzahl aller gezähmten Wolfswelpen mit zunehmendem Alter wieder zu ihren wilden Artgenossen zurück, doch mit der Zeit etablierten sich immer mehr Individuen, die bei den Menschen blieben, bis sie schliesslich begannen, sich untereinander zu paaren. Damit war die Domestikation eingeleitet.“
Warum die Domestizierung ausgerechnet vor 16.300 Jahren begonnen haben soll, erschließt sich nicht, die weitere Schilderung der Annäherung zwischen Wolf und Mensch findet sich so oder so ähnlich allerdings auch in anderen Quellen. Als wahrscheinlich erachtet wird zudem, dass „dass bereits vor 14.000 bis 16.000 Jahren die ersten Wölfe vom Menschen aufgezogen und als Haustiere gehalten worden sind“, wie es bei der Fachstelle Wolf heißt.
Die Zeitangaben und Vermutungen für den Beginn einer Annäherung zwischen Wolf und Mensch mögen für Europa zutreffen. Für die Besiedlung Amerikas und die Domestizierung des Wolfs kommt ein Team um die Archäozoologin Angela Perri von der Durham University in der Studie Uncovering the mystery of the origins of dogs jedoch noch zu anderen Ergebnissen.
Sibirische Isolation sorgte für die Domestikation in Asien
Demnach „war die menschliche Population in Sibirien während der letzten Eiszeit vor rund 23.000 bis 19.000 Jahren weitgehend isoliert. Raue klimatische Bedingungen verhinderten den genetischen Austausch mit anderen Populationen – und sorgten zudem womöglich für eine Annäherung zwischen Mensch und Wolf. Bei der Suche nach Nahrung könnten die beiden Spezies von den Fähigkeiten der jeweils anderen profitiert haben, was schließlich zur Domestikation führte.
Von Sibirien aus überquerten domestizierte Hunde vermutlich gemeinsam mit den Vorfahren der amerikanischen Ureinwohner die Bering-Landbrücke und erreichten vor rund 15.000 Jahren Amerika. Gemeinsam verbreiteten sie sich in den folgenden Jahrtausenden über den gesamten Kontinent. Dafür sprechen auch genetische Analysen menschlicher Überreste aus der gleichen Zeit.“
Wie könnte sich die Annäherung zwischen den beiden Spezies entwickelt haben?
Was Forschung unentbehrlich und faszinierend macht, ist ihre kontinuierliche Weiterentwicklung. Keine Studienergebnisse sind sakrosankt. Alle müssen sich hinterfragen lassen, und die Fragen der Forschung werden in der Regel durch jeweils neue Ergebnisse noch konkreter und detaillierter beantwortet.
Deshalb überrascht es nicht, dass eine relativ junge Studie von Prof. Pauleen Bennett, Anthrozoologin an der La Torbe University, Victoria, Australien, zu weiterführenden Schlüssen aus den vorliegenden Ergebnissen über die Annäherung zwischen Wolf und Mensch kommt. In einer Dokumentation des Kanals Timeline mit dem Titel Wie der Wolf zum Hund wurde, werden die Erkenntnisse der australischen Wissenschaftlerin ausgiebig dargestellt. Sie sagt: „Die Allianz, die Menschen und Wölfe schlossen, hat uns vor dem Aussterben gerettet, weil wir als Homo sapiens für den Konkurrenzkampf mit dem Neandertaler wettbewerbsfähiger wurden.“
So besage die (gängige) Theorie über die Annäherung zwischen Wolf und Mensch, dass die Jäger und Sammler Wolfswelpen adoptierten und aufzogen. Welpen, die in menschliche Siedlungen gewandert waren, um nach Nahrung zu suchen. „Vielleicht war es nur das Vergnügen, mit kleinen pelzigen Wesen spielen zu können, das Menschen dazu bewegte, Wolfswelpen bei sich aufzuziehen“, heißt es in der Dokumentation. Für Bennett steht jedoch fest: „Die Tiere, die kompatibel mit dem Menschen waren, überlebten. Wäre ein Wolf im Lager gewesen, der Kinder tötete, hätte man ihn umgebracht. Einen freundlichen Wolf aber nicht.“
Aber freundlich und süß zu sein, habe bestimmt nicht ausgereicht. So sei es in der Steinzeit nicht einfach gewesen, Essen zu finden. Zusätzliche Mäuler zu stopfen, wäre für die Frühmenschen deshalb nicht akzeptabel gewesen. Und um beim menschlichen Rudel bleiben zu dürfen habe der Wolf deshalb auch nützlich sein müssen. Dabei konkurrierten die frühzeitlichen Jäger und Sammler mit den Wölfen um dieselbe Beute. „Sie benutzten dieselben Jagdtechniken, um sie aufzuspüren. Es machte also Sinn, die Kräfte zu vereinen. Als Gruppe zu agieren, ermöglichte es beiden, größere und gefährlichere Beutetiere zu jagen.“
Dabei habe es einen entscheidenden Unterschied zwischen Wolf und Mensch gegeben. So wären die Menschen waren zwar klüger gewesen, bei der Jagd aber hätten die Wölfe über einen entscheidenden Vorteil verfügt: über ihren Geruchssinn, der hundert Mal empfindlicher als unserer sei. „Sie können Beute schon lange vor uns wittern. Dieser Geruchssinn und ihre hohe Leistungsfähigkeit waren ein gewaltiger Vorteil der Wölfe bei der Jagd.“
Bennett: „Ich bin überzeugt, dass die Partnerschaft zwischen Menschen und Wölfen dafür verantwortlich ist, dass wir heute überhaupt so weit gekommen sind. Weil uns diese Partnerschaft stärker und konkurrenzfähiger beim Kampf ums Überleben gemacht hat.“
„Vor 40.000 Jahren gab es zwei Menschenarten in Europa: den Neandertaler und den Homo sapiens. Die Neandertaler bildeten die dominante Gruppe und waren bereits seit 200.000 Jahren in Europa heimisch,“ heißt es im Film. Aber nur ein paar tausend Jahre später, nachdem der Homo sapiens in Europa aufgetaucht war, seien die Neandertaler verschwunden.
Über die Frage, warum die Neandertaler ausgestorben sind, wird seit langem gerätselt. Verfügten die Vertreter des Homo sapiens über innovativere Technologien, waren sie anpassungsfähiger oder einfach cleverer bei der Lösung von Problemen? „Eine neue Theorie geht jetzt davon aus, dass die Partnerschaft der Wölfe dem Homo sapiens einen entscheidenden Vorteil verschaffte. Die Hominiden besaßen bereits überlegene Fertigkeiten und Jagdwaffen. Und die Allianz mit den Wölfen verschaffte ihnen einen weiteren enormen Vorteil. Die Neandertaler konkurrierten mit dieser ungewöhnlichen Koalition aus Mensch und Tier um dieselbe Nahrung. Aber angesichts dieser Übermacht hatten sie keine Chance. Man könnte also sagen, dass Wölfe uns geholfen haben, die Welt zu erobern.“
Die australische Wissenschaftlerin meint sogar, dass unsere Spezies die Wölfe nicht domestiziert habe, sondern das „einfach ohne unser Zutun passiert“ ist. Die Wölfe seien wie wir Menschen soziale Wesen, die in Familienverbänden leben. Zusammengehalten würden die Wolfsfamilien zumeist von einem dominanten Männchen und einem dominanten Weibchen. Wölfe verfügten über eine Vielzahl an Gesichtsausdrücken, Körpergesten und Lautäußerungen. „Mit anderen Worten: Sie kommunizieren genau wie Menschen.“ Vielleicht habe ihr ausgeprägtes Gespür für soziale Hierarchie etwas damit zu tun, warum Wölfe damit begonnen, sich Menschen unterzuordnen. Der Rest ist „Geschichte“: „Freundliche Wölfe durften in der Nähe der Menschen bleiben und wurden gefüttert, aggressive wurden dagegen getötet. Mit der Zeit wurden sie zu Hunden.“
Gehen wir einmal davon aus, dass die Folgerungen Pauleen Bennetts richtig wären. Was würde das für die Beurteilung des Charakters von homo sapiens bedeuten? Eine Spezies also, die mit der Unterstützung einer anderen Spezies den harten Wettbewerb mit Nahrungskonkurrenten für sich entscheidet – und einige tausend Jahre später dem früheren Jagdkumpan und Gefährten grausam nachstellt, weil sich seine Lebensumstände geändert haben und aus dem eiszeitlichen Jäger und Sammler ein sesshafter Bauer geworden war.
Die Einstellung des Menschen gegenüber dem Wolf änderte sich mit seiner Sesshaftwerdung. Nach den Forschungen der Archäologin Barbara Horejs, wissenschaftliche Direktorin am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), „begann die Neolithische Revolution vor rund 12.000 Jahren in Vorderasien: Aus mobilen Jägern und Jägerinnen und Sammlern und Sammlerinnen werden bäuerliche, sesshafte Gemeinschaften. Eine Entwicklung, die die Geschichte der Menschheit nachhaltig verändern wird. 7.000 Jahre später war die Sesshaftigkeit auch in Mitteleuropa angekommen.“ Das Neolithikum, zu deutsch „Jungsteinzeit“, umfasst den Zeitraum von etwa 12.000 bis 2.000 vor unserer Zeitrechnung und bezeichnet den Übergang von Jäger- und Sammlerkulturen zu Hirten- und Bauerngemeinschaften. Laut Horejs ist der Begriff „Neolithische Revolution“ mittlerweile veraltet: „Heute sprechen wir von der Neolithisierung der Menschheit.“ Damit wird auch gezeigt, dass sich der Übergang von altsteinzeitlichen Jäger- und Sammlerkulturen zu sesshaften jungsteinzeitlichen bäuerlichen Gemeinschaften nicht revolutionsartig in kurzer Zeit, sondern über längere Zeiträume entwickelt hat.
Haben wachsende Populationen des Homo sapiens oder die Partizipation von Jungen und Alten in die Nahrungsmittelproduktion zur Sesshaftwerdung motiviert?
Weshalb es zu diesem Übergang gekommen sein kann, analysiert Erin Blakemore in einem National Geographic-Report 2019: „Es gibt einige Hypothesen darüber, weshalb Menschen mit dem Ackerbau begannen. Womöglich verschärften wachsende Populationen den Konkurrenzkampf um Nahrung und schufen so eine Notwendigkeit für die Erschließung neuer Nahrungsquellen. Womöglich wollten die Menschen aber auch Kinder und Alte in die Nahrungsproduktion involvieren. Denkbar ist auch ein Wechselspiel: Vielleicht verließen sich die Menschen mehr und mehr auf den Anbau von Pflanzen, die sie durch frühe Versuche der Domestizierung modifiziert hatten, und im Gegensatz war der Erfolg dieser Pflanzen von den Menschen abhängig.“
Das Interesse für den Anbau und die Züchtung von Pflanzen könnte den Menschen auf natürliche Weise auch zur Haltung von Nutztieren geführt haben, für deren Ernährung er auch mit der Produktion von (Nutz-)pflanzen sorgen musste. Laut National Geographic finden sich frühe „Belege für die Schaf- und Ziegenzucht im Irak und Anatolien“. Dort hätten Menschen solche Herden schon vor etwa 12.000 Jahren gehalten. Weiter heißt es: „Als Nutztiere können domestizierte Tiere auch die schweren körperlichen Arbeiten beim Ackerbau erleichtern und liefern mit ihrer Milch und ihrem Fleisch zusätzliche Nahrung für immer stabilere Populationen.“ Erin Blakemore bezieht sich hierbei auf eine im Wissenschaftsjournal PNAS im Jahr 2008 publizierte Studie (Domestikation and early agriculture in the Mediterranean Basin: origin, diffusion and impact).
Besonders die „Waldweide“ veränderte die Haltung gegenüber Wölfen
Etwa um 5.000 vor unserer Zeitrechnung waren wohl auch die menschlichen Gemeinschaften in Zentraleuropa neolithisiert. Die zuvor in vielen Regionen und Gemeinschaften der Welt verbreitete mythische bzw. religiöse Verehrung des Wolfs veränderte sich zunehmend zu einem Konkurrenzdenken. Dennoch hielten sich, so die Fachstelle Wolf in Sachsen, in Mitteleuropa stabile Wolfsbestände bis ins frühe Mittelalter. „Die zunehmende Waldrodung und Weideviehhaltung führte zunächst zur Bestandszunahme des anpassungsfähigen Offenlandjägers durch Bereitstellung leicht zugänglicher Beute. Auch wenn ein Wolfsangriff auf das wertvolle Vieh eine ernste Bedrohung für viele Bauern darstellte, war der Jagddruck derzeit noch gering, da entsprechende Mittel fehlten und die Jagd Feudalherren vorbehalten blieb.“
Das jedoch änderte sich nachhaltig seit dem Beginn der offenen Viehhaltung und der sogenannten „Waldweide“ im ausgehenden Mittelalter. Hierbei, so berichtet die Fachstelle Wolf, sei das Vieh „vollkommen ungeschützt zur Buchecker- und Eichelmast in den Wald getrieben (worden).“ Und jetzt nahmen die Nutztierverluste zu. Deshalb sei die Einstellung der Bevölkerung zunehmend von Angst geprägt gewesen. Die Fachstelle: „Eine organisierte Bekämpfung des Wolfes setzte infolge dessen ab dem 15. Jahrhundert ein. Im 16. und 17. Jahrhundert erreichte die Wolfsjagd ihren Höhepunkt. Mit groß angelegten Treibjagden und Prämien, die für getötete Wölfe (besonders für Jungtiere) gezahlt wurden, wurde der Wolfsbestand in weiten Teilen Mitteleuropas stark dezimiert und das einst zusammenhängende Vorkommensgebiet lückenhaft. Die dabei angewandten Jagdmethoden (Fallen, Fanggruben, Giftköder, Lappjagden u.a.) zielten direkt auf die Ausrottung des Raubtieres.“
Welche Rolle die über die Jahrhunderte entstehenden Verleumdungen spielten, denen Wölfe permanent ausgesetzt waren und bis heute ausgesetzt sind, kann unter dem Menüpunkt Märchen, Mythen und Legenden nachgelesen werden. Fakt ist jedoch, dass wahrscheinlich kein anderes Tier weltweit einem derart großen Verfolgungsdruck ausgesetzt war und ist wie der Wolf. Wer sich im Detail für die Geschichte der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland interessiert, kann das in einer zweiteiligen Chronik des Naturschutzbund Deutschland (Teil 1: 1850 – 2007 und Teil 2: 2008 – 2014) nachlesen.
