Märchen, Mythen und Legenden

Märchen

Der Wolf steht im Zentrum vieler Märchen. Interessanterweise assoziiert der europäische Kulturkreis den Beutegreifer mit negativen Eigenschaften wohingegen Nationen aus der Neuen Welt dem Wolf positive Züge wie Weisheit, Stärke und Mut zusprechen. Das spiegelt sich auch in Märchen. Bild: Luccy_lapka

Das Grimmsche Märchen „Rotkäppchen und der Wolf“ kennt jedes Kind. Sogar noch heute im digitalen Zeitalter, wo mehr und mehr traditionelles Wissen verlorengeht. 

Dagegen sind Märchen wie „Der Wolf und der Mensch“ von den Gebrüdern Grimm, das das Verhältnis beider Spezies zueinander auf den Punkt bringt, bei weitem nicht so bekannt. Viele weitere spannende Märchen aus vielen europäischen Ländern mit und über den Wolf bietet die Digitale Sammlung Ernst Giger „Wolfsmärchen aus aller Welt“:

„Der Wolf und der Mensch

Der Fuchs erzählte einmal dem Wolf von der Stärke des Menschen; kein Tier könnte ihm widerstehen, und sie müßten List gebrauchen, um sich vor ihm zu erhalten. Da antwortete der Wolf: ‚Wenn ich nur einmal einen Menschen zu sehen bekäme, ich wollte doch auf ihn losgehen.‘ – ‚Dazu kann ich dir helfen‘, sprach der Fuchs; ‚komm nur morgen früh zu mir, so will ich dir einen zeigen.‘ Der Wolf stellte sich frühzeitig ein, und der Fuchs brachte ihn hinaus auf den Weg, den der Jäger alle Tage ging.

Zuerst kam ein alter, abgedankter Soldat. ‚Ist das ein Mensch?‘ fragte der Wolf. ‚Nein‘, antwortete der Fuchs, ‚das ist einer gewesen.‘ Danach kam ein kleiner Knabe, der zur Schule wollte. ‚Ist das ein Mensch?‘ – ‚Nein, das will erst einer werden.‘ Endlich kam der Jäger, die Doppelflinte auf dem Rücken und den Hirschfänger an der Seite. Sprach der Fuchs zum Wolf: ‚Siehst du, dort kommt ein Mensch, auf den mußt du losgehen; ich aber will mich fort in meine Höhle machen.‘ Der Wolf ging nun auf den Menschen los. Der Jäger, als er ihn erblickte, sprach: ‚Es ist schade, daß ich keine Kugel geladen habe‘, legte an und schoß dem Wolf das Schrot ins Gesicht. Der Wolf verzog das Gesicht gewaltig, doch ließ er sich nicht schrecken und ging vorwärts. Da gab ihm der Jäger die zweite Ladung. Der Wolf verbiß den Schmerz und rückte dem Jäger zu Leibe. Da zog dieser seinen blauen Hirschfänger und gab ihm links und rechts ein paar Hiebe, daß er, über und über blutend, mit Geheul zu dem Fuchs zurücklief. ‚Nun, Bruder Wolf‘, sprach der Fuchs, ‚wie bist du mit dem Menschen fertig geworden?‘ – ‚Ach‘, antwortete der Wolf, ’so hab ich mir die Stärke des Menschen nicht vorgestellt. Erst nahm er einen Stock von der Schulter und blies hinein, da flog mir etwas ins Gesicht, das hat mich ganz entsetzlich gekitzelt; danach pustete er noch einmal in den Stock, da flog mir’s um die Nase wie Blitz und Hagelwetter, und wie ich ganz nahe war, da zog er eine blanke Rippe aus dem Leib, damit hat er so auf mich losgeschlagen, daß ich beinah tot wäre liegengeblieben.‘

‚Siehst du‘, sprach der Fuchs, ‚was du für ein Prahlhans bist; du wirfst das Beil so weit, daß du’s nicht wieder holen kannst.'“

Mythen

Bei den Sophisten der griechischen Antike galt der Mythos als Gegensatz zum Logos. Beide – Mythos und Logos – wollen die Wirklichkeit erklären und aus einer angeblich tieferen Einsicht die Realität herleiten. Der Mythos tut das als traditionelle Erzählung. die kulturhistorische, religiöse oder soziale Wurzeln haben kann, der Logos gründet auf einer „vernünftigen“ und verstandesmäßigen Beweisführung, die das innere Wesen und seine kausalen Zusammenhänge erklären will. 

Angst des Menschen vor dem Jagd- und Nahrungskonkurrenten

Mythen ziehen häufig Götter, Geister oder andere mythische Figuren hinzu, die der menschlichen Phantasie entspringen und Phänomene „plakativ“ und eindrücklich schildern. Dabei erheben sie einen Anspruch auf Wahrheit, ohne sich selbst als Metaphorik zu erklären. 

Hinsichtlich von Erzählungen über den Wolf kann beobachtet werden, dass sich seit der Sesshaftwerdung von Menschen vor etwa 12.000 Jahren allmählich Mythen herausgebildet haben, die den Wolf in ein immer schlechteres Licht rückten. Dabei ist die Angst des Menschen vor dem Beutegreifer als Jagd- und Nahrungskonkurrenten, also die Befürchtung, Schaden an Hab und Gut zu erleiden, besonders deutlich spürbar. 

Die Aufklärung hat nichts am Negativimage des Wolfs verändert

Wie hartnäckig Mythen sind, zeigt, dass sich auch während der Aufklärung in Europa um das Jahr 1700 und des damit verbundenen Bemühens um eine rationale Erklärung der Welt nichts am Negativimage des Wolfs geändert hat. Für manche Bevölkerungskreise und Einflusssphären gilt bis heute, dass Mythen über Wölfe wie Stammtischparolen wiederholt gepredigt werden.

Die WWF in Österreich hat dankenswerterweise zehn wichtige Mythen über den Wolf zusammengestellt.   

Rote Wölfe. Ölgemälde auf Holz. Bild: Natalja Cernecka

Mythos 1: Der Wolf ist eine wilde Bestie und greift Menschen an

Der Wolf ist mit Sicherheit kein Kuscheltier, aber ebenso wenig ein wilde Bestie. Die Gefahr, von einem Wolf angegriffen zu werden liegt nahezu bei Null. Es ist weitaus wahrscheinlicher, dass einem beim Spaziergang im Wald ein Ast auf den Kopf fällt.

Der Wolf hat aber grundsätzlich natürlich das Potential, Menschen zu verletzen. Aus diesem Grunde sollte man Wölfen mit Respekt begegnen, ihnen nicht nachlaufen und sie keinesfalls füttern – genauso wie bei anderen Wildtieren auch. Gesunde Wölfe reagieren scheu und vorsichtig auf Menschen. Im Vergleich zu anderen wehrhaften Tieren wie Wildschweinen oder Kühen wird die Gefährlichkeit des Wolfes stark überschätzt bzw. wird von einzelnen Interessenvertretern Panikmache betrieben. Die Fakten sprechen eine andere Sprache: Seit der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland (nach zwei Jahrzehnten derzeit ca. 185 Rudel) bzw. in die Schweiz (35 Rudel) gab es keine einzige Attacke oder gar Verletzte. Im Gegensatz dazu mussten laut Kuratorium für Verkehrssicherheit jährlich in Österreich rund 3.900 Personen nach einem Hundebiss im Krankenhaus nachbehandelt werden. Bei Autounfällen mit Wildtieren werden ca. 350 Menschen jährlich verletzt. 2 bis 3 davon enden sogar tödlich.

Mythen wirken immer, auch wenn sie an den Haaren herbeigezogen sind. Bild: sesame

Mythos 2: Die Wölfe kommen immer näher an Siedlungen, das ist gefährlich

Wölfe können sich menschlichen Siedlungen nähern. Das kommt in Europa regelmäßig vor und ist nicht ungewöhnlich. Denn Wölfe nehmen häufig den energiesparenderen und direkten Weg, wenn sie von Punkt A nach B kommen wollen. Dieser Weg ist für sie auch der gefährlichere, denn Wölfe werden nicht selten von Autos überfahren. Mit der Ausbreitung des Wolfs und der steigenden Anzahl gibt es also auch öfter Sichtungen.

In ganz seltenen Ausnahmefällen suchen Wölfe aber wiederholt und freiwillig die Nähe des Menschen. Voraussetzung für ein solches Verhalten ist meist ein Gewöhnungsprozess, der zum Beispiel durch das Futtern von Wölfen gefördert wird und über einen längeren Zeitraum passiert. Wenn dieses Verhalten bei einem Wolf sehr weit fortgeschritten ist, dann muss eingegriffen werden.

Jungwölfe können neugierig sein

Die Gefahr, in Österreich von einem Wolf angegriffen zu werden liegt nahezu bei null. Unser Land hat eine der höchsten Schalenwild-Dichten Europas und der Wolf findet genügend natürliche Beute vor. Dass der Wolf scheu ist, bedeutet nicht, dass er „unsichtbar“ bleibt. Wolfsbeobachtungen können vor allem in Ländern mit großen Wolfsdichten, zu denen Österreich jedoch nicht gehört, durchaus vorkommen. So könnte ein Wolf – etwa auf einem Wanderweg – relativ nahe an Menschen vorbeilaufen, meist ohne dass diese das bemerken.

Besonders die Jahrlinge, die „jugendlichen“ Wölfe im Alter bis zu zwei Jahren sind sehr neugierig und lernwillig. Sie könnten daher erst mal stehen bleiben, um zu beobachten, was passiert. Ein junger Wolf fühlt sich nicht unsicher oder ist extrem ängstlich, deshalb hat er keine Veranlassung, gleich davon zu sprinten. Wenn er die Situation für sich „abgeklärt“ hat, wird er sich umdrehen und weglaufen. Dabei handelt es sich um ein normales Wolfsverhalten ohne „angriffslustigen“ Hintergrund und dieses ist für Menschen normalerweise nicht gefährlich.

Mythos 3: Es ist für Kinder nicht mehr sicher, im Wald zu spielen

Grundsätzlich sollten insbesondere kleinere Kinder nicht ohne Aufsicht im Wald spielen, egal ob im Wolfsgebiet oder nicht. Kinder können sich aber so wie in anderen Regionen, in denen Wölfe leben, im Wald aufhalten. Um das Risiko von Unfällen mit Wildtieren zu minimieren, sollten jedoch einige Verhaltensweisen im Zusammenleben mit allen Wildtieren beherzigt werden.

Wildtieren sollte man immer mit Respekt begegnen. Das heißt, man soll ihnen nicht nachlaufen, sondern Abstand halten. Insbesondere Wölfe sollte man keinesfalls anfüttern und deren Wurfhöhlen nicht aufsuchen. Solche Vorsichtsmaßnahmen gelten für den Umgang mit allen Wildarten, die wehrhaft sind oder Krankheiten übertragen können. Einem Wildschwein zu begegnen ist viel wahrscheinlicher und auch gefährlicher.

Mythos 4: Der Wolf muss durch Abschüsse scheu gemacht werden, es braucht „wolfsfreie Zonen“

Die gezielte regionale Bejagung von Wölfen zur Schaffung von „wolfsfreien Zonen“ widerspricht eindeutig dem EU-Naturschutzrecht, wie sowohl die Europäische Kommission als auch das Umweltministerium bereits klargestellt haben. Auch naturschutzfachlich ist dieser Vorschlag realitätsfern und höchst problematisch. Einerseits kann sich ein Wildtier nicht an Bundesländergrenzen halten, andererseits ist der Wolf eine weit wandernde Tierart, die in relativ kurzer Zeit halb Europa durchqueren kann. Für „wolfsfreie Zonen“ bei uns müsste man also tatsächlich tausende Wölfe in den Alpen und in einem 1.000-Kilometer-Radius darüber hinaus töten.

Fakt ist auch: Die Entnahme einzelner Wölfe ist bereits jetzt erlaubt, wenn wiederholt Weidetiere trotz sachgemäß angewendeter Schutzmaßnahmen angegriffen werden. Selbstverständlich rechtfertigt auch ein – begründeter – Verdacht, dass ein Wolf für Menschen gefährlich werden könnte, rechtlich einen Abschuss. Erstens steht die Sicherheit des Menschen an oberster Stelle, zweitens gefährden auffällige Tiere die Akzeptanz der ganzen Art und könnten ihr Verhalten außerdem an den Nachwuchs weitergeben.

Mythos 5: Durch den Wolf sterben viel mehr Schafe

Rund 400.000 Schafe werden in Österreich gehalten, davon ca. ein Viertel auf den Almen. Viele Schafe kommen durch Blitz- und Steinschlag oder bei Unwettern ums Leben oder werden Opfer von Krankheiten. Dieser so genannte „natürliche Abgang“ ist Todesursache für bis zu 8.500 Schafe in Österreich pro Jahr. Diese Zahl ist auch deshalb so hoch, weil die Schafe nicht immer ausreichend betreut werden. Im Jahr 2023 wurden durch Wölfe rund 500 Schafe verletzt bzw. getötet. Bei etwa 600 Schafen, die vermisst werden, könnte der Wolf etwas damit zu tun haben, bzw. man kann es nicht ausschließen.

Durch die Rückkehr des Wolfes wird es nötig sein, die Herden in kürzeren Abständen aufzusuchen und zu kontrollieren oder sie manchmal sogar durchgehend durch einen Hirten zu beaufsichtigen. Durch die bessere Betreuung wird es möglich sein, Krankheiten oder Gefahren schneller zu erkennen und somit hunderten bis tausenden Schafen das Leben zu retten.

Mythos 6: Ein Wolf, der ein Schaf gerissen hat, ist ein „Problemwolf“ und muss abgeschossen werden

Ein Wolf der ungeschützte Schafe erbeutet, ist noch kein Problemwolf“. Er verhält sich nicht einmal auffällig, sondern ähnlich „normal“ wie ein Hund, dem man eine Knackwurst vor die Nase hält. Der Wolf frisst von Natur aus das, was mit dem geringsten Kraft- und Energieaufwand zu bekommen ist. Das ist in Österreich großteils Wild (in erster Linie Hirsche, Rehe und Wildschweine), da dieses überreichlich vorhanden ist. Schafe sind nur eine Gelegenheitsbeute, vor allem dann wenn eine Herde ungeschützt steht.

Unter einem „Problemwolf“ versteht man ein Wildtier, das sich immer wieder absichtlich in die Nähe des Menschen begibt, um Futter zu suchen oder zu erbetteln, obwohl es rundherum genügend Wild gibt. Ihm wurde – zum Beispiel durch Anfütterung – abgewöhnt, den Menschen zu meiden. Wer einem Wolf beibringen will, zwischen „erlaubter“ (Wild) und „unerlaubter“ (Haus- bzw. Nutztiere) Beute zu unterscheiden, erreicht das nur durch sachgemäß angewendeten Herdenschutz. Deshalb fordert der WWF Österreich von den zuständigen Landesräten seit Jahren ein rechtskonformes Wolfs-Management samt Herdenschutz und angemessenen Entschädigungszahlungen für Landwirte.

Mythos 7: Wölfe springen über Zäune und machen Herdenschutz wirkungslos

Das ist falsch, weil Wölfe grundsätzlich nicht hoch springen. Bewährt haben sich etwa schon 100 Zentimeter hohe, dünne Zaunnetze, die Strom führen, aber auch Weidezäune, deren stromführende Litzen so verlaufen, dass Wölfe sie weder überwinden, noch darunter durchschlüpfen können. Wichtig ist daher die fachgerechte Installation.

Bestehende Zäune wurden meist errichtet, um Nutztiere an der Flucht zu hindern, aber nicht, um Wölfe am Eindringen zu hindern. Experten können beurteilen, ob bestehende Zäune etwa durch das Spannen zusätzlicher Stromlitzen adaptiert werden können. In Kombination können Herdenschutzhunde helfen, häufig reichen auch die Elektrozäune alleine aus.

In Deutschland und in der Schweiz konnten durch Herdenschutzmaßnahmen die Risse pro Wolf deutlich reduziert werden und Österreich könnte sich etliches abschauen. Dabei gibt es keine 0815-Lösung, denn jeder Hof ist anders. Gerade deshalb ist gute Beratung essentiell und es ist die gesetzliche Pflicht der Behörden, endlich umfassend zu informieren und sich nicht hinter Stammtisch-Parolen zu verstecken!

Mythos 8: Für den WWF sind Wölfe mehr wert als Schafe

Nein, denn es geht nicht darum zu beurteilen, ob Wölfe oder Schafe mehr wert sind. Wir sind davon überzeugt, dass in unserer Landschaft beide Platz haben.

Unsere Nachbarländer zeigen vor, dass auch in Anwesenheit des Wolfes Schafhaltung betrieben werden kann. Wölfe gelten laut der europäischen Fauna-Flora-Habitatrichtlinie und den nationalen Gesetzen als besonders schützenswert, weil sie eben so selten – in Österreich vom Aussterben bedroht – sind.  Österreich hat sich mit dem EU-Beitritt dafür entschieden, diese Richtlinie national mitzutragen – mit anderen Worten: Entscheiden sich Wölfe, auch in Österreich wieder sesshaft zu werden, darf das Land das nicht verhindern.

Mythos 9: Wir brauchen den Wolf gar nicht

Wölfe sind als heimische Wildtiere die jahrhundertelang die Landschaft bereicherten, ein wichtiger und natürlicher Bestandteil der heimischen Artenvielfalt. Die Rückkehr des Wolfes ist somit aus Naturschutzsicht positiv zu bewerten. So hält der Wolf den Wildbestand in guter Kondition, denn Wölfe jagen vor allem jene Tiere, die sie leicht erbeuten können. Kranke oder schwache Tiere bemerkt der Wolf früher als der Jäger. Diese fallen dem Wolf daher eher zum Opfer als kräftige, gesunde Individuen.

Die Anwesenheit des Wolfes wirkt sich somit positiv auf die Gesundheit unseres Wildbestandes aus. Wölfe können auch andere Arten wie zum Beispiel den Goldschakal oder die nicht einheimische und stark waldschädigende Wildart Mufflon in Schach halten.

Auch kann der Wolf helfen, die viel zu hohe Zahl an Hirschen, Rehen und Wildschweinen in Österreich zu senken. Unser Land hat europaweit gesehen die höchste Dichte dieser Wildtiere und deshalb auch massive Problem mit Verbiss-Schäden. Trotz aller Bemühungen durch die Jägerschaft ist es nicht gelungen den Wildbestand in den letzten Jahren zu senken. Hier könnte der Wolf dem Jäger ein wichtiger Helfer sein.

Mythos 10: Die Beziehung zwischen Mensch und Wolf war immer schon schwierig

Die frühe Partnerschaft unserer Jäger-und-Sammler-Vorfahren mit dem Wolf war eine der wichtigsten Innovationen der Menschheit. Die Erstbegegnungen fanden vor 40.000 Jahren statt. Dabei haben die Menschen entdeckt, wie ähnlich uns die Wölfe im Sozialsystem und in der Lebensweise sind. Beide sind Laufjäger, leben in kleinen Gruppen, kooperieren innerhalb der Gruppen sehr gut beim Jagen und der Aufzucht der Kinder und verteidigen sich gegen ihre Nachbarn. Aus diesen Beziehungen gingen unsere Hunde hervor, die immer schon wichtige Partner der Menschen waren.

Ein gutes Management schafft die Voraussetzungen für ein möglichst konfliktarmes Zusammenleben zwischen Wolf und Mensch. Der WWF setzt sich für ein Management ein, das sowohl die Interessen der Betroffenen als auch die ökologischen Herausforderungen berücksichtigt. Engagierte, länderübergreifende Schutzbemühungen innerhalb der EU sind für den Wolf bzw. andere weit wandernde Tierarten von großer Bedeutung.

An Herdenschutz-Maßnahmen, wie sie beispielsweise in Österreich im Tiroler Oberland getestet werden, führt kein Weg vorbei, wenn man eine möglichst konfliktarme Koexistenz mit dem Wolf erreichen und Schafe effektiv schützen will. In unserem Nachbarland Schweiz, sowie in Frankreich und Italien hat man mit solchen Herdenschutzprojekten bereits gute Erfahrungen gemacht. Wir Menschen haben kein Monopol auf die alleinige Nutzung der Landschaft, sondern teilen mit dem Wolf den gleichen Lebensraum.

Legenden

Es gibt wunderschöne Legenden über den Wolf, zu denen beispielsweise auch Romulus und Remus über die Gründung der Stadt Rom gehört. Luccy_lapka

So viele Märchen es über den Wolf gibt, so viele Legenden gibt es auch. Hierzu hat der Naturschutzbund Deutschland in „Wölfe Aktionsbroschüre 2022 / Zusatzmaterialien“ eine kleine Sammlung veröffentlicht. Daraus zitieren wir die Cherokee-Legende vom Wolfstotem und dem schwarzen und weißen Wolf. Eine Legende voller Philosophie und tiefer menschlicher Selbsterkenntnis:

„Schweigend saß der Cherokee Großvater mit seinem Enkel am Lagerfeuer und schaute nachdenklich in die Flammen. Die Bäume um sie herum warfen schaurige Schatten, das Feuer knackte und die Flammen loderten in den Himmel.

Nach einer gewissen Zeit meinte der Großvater: ‚Flammenlicht und die Dunkelheit, wie die zwei Wölfe, die in unseren Herzen wohnen‘. Fragend schaute ihn der Enkel an. Daraufhin begann der alte Cherokee seinem Enkel eine sehr alte Stammesgeschichte von einen weißen und einem schwarzen Wolf zu erzählen.

‚In jedem von uns lebt ein weißer und ein schwarzer Wolf. Der weiße Wolf verkörpert alles, was gut, der Schwarze, alles, was schlecht in uns ist. Der weiße Wolf lebt von Gerechtigkeit und Frieden, der Schwarze von Wut, Angst und Hass. Zwischen beiden Wölfen findet ein ewiger Kampf statt, denn der schwarze Wolf ist böse – er steht für das Negative in uns wie Zorn, Neid, Trauer, Angst, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Schuld, Groll, Minderwertigkeit, Lüge, falscher Stolz und vieles mehr. Der andere, der weiße Wolf ist gut – er ist Freude, Friede, Liebe, Hoffnung, Freundlichkeit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Wahrheit und all das Lichte in uns. Dieser Kampf zwischen den beiden findet auch in dir und in jeder anderen Person statt, denn wir haben alle diese beiden Wölfe in uns.‘

Der Enkel dachte kurz darüber nach und dann fragte er seinen Großvater, ‚Und welcher Wolf gewinnt?‘ Der alte Cherokee antwortete: ‚Der, den du fütterst. Nur bedenke, wenn du nur den weißen Wolf fütterst, wird der Schwarze hinter jeder Ecke lauern, auf dich warten und wenn du abgelenkt oder schwach bist wird er auf dich zuspringen, um die Aufmerksamkeit zu bekommen die er braucht. Je weniger Aufmerksamkeit er bekommt, umso stärker wird er den weißen Wolf bekämpfen. Aber wenn du ihn beachtest, ist er glücklich. Damit ist auch der weiße Wolf glücklich und alle beide gewinnen.‘

‚Das ist die große Herausforderung eines jeden von uns…das innere Gleichgewicht herzustellen. Denn der schwarze Wolf hat auch viele wertvolle Qualitäten – dazu gehören Beharrlichkeit, Mut, Furchtlosigkeit, Willensstärke und großes intutives Gespür, Aspekte, die Du brauchst in Zeiten, wo der weiße Wolf nicht weiter weiß, denn er hat auch seine Schwächen.

Du siehst, der weiße Wolf braucht den schwarzen Wolf an seiner Seite. Beide gehören zusammen. Fütterst du nur einen, verhungert der andere und wird unkontrollierbar. Wenn du beide fütterst und pflegst wird es ihnen gut tun und ein Teil von etwas Größerem, das in Harmonie wachsen kann. Füttere beide, und du musst deine Aufmerksamkeit nicht auf den inneren Kampf verwenden. Und wenn es keinen inneren Kampf gibt, kann man die innere Stimme der alles wissenden Führer hören, die dir in jeder Situation den richtigen Weg deuten. Frieden, mein Sohn, ist die Mission der Cherokee, ist das Leben. Ein Mann, der den schwarzen und weißen Wolf in Frieden in sich hat, der hat alles. Ein Mann, der in seinen inneren Krieg gezogen wird, der hat nichts. Dein Leben wird davon bestimmt, wie du mit deinen gegnerischen Kräften umgehst. Lass nicht den einen oder anderen verhungern, füttere sie beide und beide gewinnen.“