Etappe 1

Aufbruch

Das große Abenteuer beginnt: Damain ist knapp ein Jahr alt. Getrieben von innerer Unruhe macht er sich auf den Weg und folgt einem geheimen Ziel. Bild: Byrdyak

Was ihn dazu trieb, von einem Tag zum anderen die Vertrautheit und Sicherheit der Lichtung aufzugeben, an deren Rand seine Mutter einst ihre Wurfhöhle gegraben hatte, war Damian nicht bewusst. Aber er spürte die ungeheure Sehnsucht, die sich wie ein unsichtbares Band immer enger um sein Herz legte. Die Sehnsucht nach fernen Weiten, nach langen kräftezehrenden Läufen durch unwegsames Gelände, durch Wälder und Sümpfe, über grüne Wiesen und karge Ebenen. Die Sehnsucht verschlang ihn, schnürte ihm die Kehle zu und hatte, sobald er sie zum ersten Mal spürte, ein Pochen in die Brust gepflanzt, das laut und lauter wurde.

Dieses Pochen war so gewaltig und machtvoll, dass Damian seine Ungeduld nicht mehr verbergen konnte, wenn sein Bruder Adam, der, obwohl körperlich unterlegen, sich zu einem richtigen Draufgänger entwickelt hatte, ihn wieder und wieder zum Kräftemessen herausforderte und hart gegen die Schulter stieß, um ihn auf den Rücken zu werfen und spielerisch in die Lefzen zu beißen. Dann knurrte der Herausgeforderte nicht nur, sondern stieß ein unwilliges und heiseres Bellen aus, das schnell zu einem scharfen Schreien wurde, über das Adam erschrocken stutzte. Doch schon hatte er arge Prügel bezogen und konnte sich nur noch mit Gesten der Unterwürfigkeit, gesenktem Kopf, zitternden Läufen und eingeklemmter Rute aus der Affäre ziehen.

Was einmal helle Freude gewesen war, gespeist aus der kraftvollen Wärme und der beruhigenden Zuneigung der Familienbande, eine Freude, die sich in eifrigem Lecken und winselnden Nasenstübern im Spiel mit den Geschwistern und den Alten gezeigt hatte, war verblasst und auf unerklärliche Weise zu einer Anstrengung geworden.

Damian war überrascht, vielleicht sogar ein wenig erschrocken über sich selbst, doch nach den ersten weiten Sätzen, die ihn von der Lichtung auf einen Weg brachten, der ihn aus dem Wald hinausführte, blickte er nicht mehr hinter sich. Er lief und lauschte nur noch auf das rasche Klopfen seines Herzens, das zum Metronom eines wilden, neuen und gefährlichen Lebens wurde.

Abenteuer eines neuen Lebens

Wohin die Reise ihn führen und wann er angekommen sein würde, ahnte er nicht. Er wusste nichts von den Gesetzen der Wölfe, die in fest gefügten Familienrudeln leben und jeweils ein eigenes Territorium besetzen. Deshalb verlassen die Rüden, mitunter auch die Fähen, mit oder kurz vor der Geschlechtsreife ihren Clan und machen sich auf, um ein eigenes Revier zu erobern. Damian folgte seinem Instinkt, der ihm befahl, einen Fluß zu durchqueren, ein Moor zu umgehen oder in einem Waldstück Deckung und Schutz zu suchen. Für gewöhnlich legte er nachts die größten Strecken zurück und ruhte sich tagsüber hinter Felsen, in einem von Bäumen gesäumten ausgetrockneten Bachbett oder im Schutz von dichtem Buschwerk aus. Doch nichts hatte ihn auf die zahllosen Hindernisse vorbereitet, die sich ihm in den Weg stellen sollten: hohe Berge und schroffe Grate aus scharfkantigem Eis und verkrustetem Schnee, tief eingeschnittene Täler, breite graue Bänder aus hartem Stein, auf die sich ein nie enden wollender Strom aus lärmenden und blitzenden Maschinen ergoss, Adern aus schwingendem Eisen, auf denen donnernde Ungetüme jagten und immer wieder die Siedlungen von fremdartigen Lebewesen, deren Witterung ihn zutiefst erschreckte und zurückweichen ließ.

„Wölfe gehören zu den am weitesten wandernden Landtieren“

Immer wieder kommt Damian mit Menschenwerk in Kontakt. Seien es Straßen, kleinere Wege oder Bahngeleise, die es zu überqueren gilt. Bild: Janice Chen

Damians Reise sollte ihn mehr als 2500 Kilometer von Polen über Tschechien, Deutschland, die Schweiz und Frankreich bis nach Spanien führen. Seine innere Landkarte funktionierte präzise und ließ ihn niemals zweifeln oder irren. Doch er hätte sein Ziel auch früher erreichen können, wenn er sein Leben nicht mehrfach vor Artgenossen hätte retten und die Herrschaftsgebiete fremder Rudel weit umgehen müssen. 

Sein Ziel bestand nicht aus einem Land, einem Ort oder einem bestimmten Gebiet. Sein Ziel war die Erfüllung einer Vision, die im Blut der Wolfsrüden geschrieben steht: die Vision von der Gründung einer eigenen Familie in einem mit eigener Kraft eroberten Territorium, das mit ausreichend Nahrung und Wasser ein gutes Leben für sich und die Nachkommen möglich macht. Für diese Vision hatte Damian den Schutz und die Wärme seines Clans verlassen und war dem Drang gefolgt, der ihn solange unermüdlich vorantrieb, bis sich seine innere Bestimmung erfüllen sollte.

Der Sprung, mit dem Damian am späten Nachmittag über den kleinen Lehmwall am Rande der Lichtung setzte, auf der er geboren worden war, war gewaltig. Sobald er den Waldrand erreicht hatte, eilte er mit weit ausgreifenden Läufen über eine sandige Senke, die bald in eine Heidelandschaft mit Ginster, Blaubeere und Besenheide überging. Er ließ nicht nach in seiner Geschwindigkeit und durchquerte mehrere Kilometer Heideland in raschem Tempo, da es, anders als die weiten Waldflächen, die er gewohnt war, keinen Schutz vor möglichen Angreifern bot.

Erst als er eine Gruppe von niedrigen Moorbirken und verkrüppelten Schwarzerlen erreicht hatte, die einen kleinen Bachlauf säumten, beruhigte sich sein Puls. Er trank in kräftigen Zügen, wandte sich um, sicherte und nahm prüfend Witterung auf. Er hörte, sah und roch nichts, was ihn in Unruhe hätte versetzen können, auch nicht eine Schar von Saatkrähen, die ihre rauen Lieder in ferne Winde trugen. Deshalb trabte er zu mehreren hochgewachsenen Ginstersträuchern, bei denen sich im frühen Mai schon die ersten senfgelben Blüten zwischen den Birken und Erlen zeigten, legte sich nieder und rollte sich ein, um den Einbruch der Dunkelheit abzuwarten. Das Wasser plätscherte beruhigend und schickte kurze Träume, die ihn auf die erste lange Etappe seiner Wanderung vorbereiteten.

Körpermaße über dem Durchschnitt eurasischer Wölfe

Wer Damian an seinem Rückzugsort entdeckt hätte, dem wäre ein Begriff wie „stattlich“ in den Sinn gekommen. Und das wäre nicht übertrieben gewesen, denn er war von der Natur überaus großzügig ausgestattet worden und verfügte über Körpermaße entschieden über dem Durchschnitt eines eurasischen Wolfes. Von der Nasenspitze bis zum Ende der Rute maß er 150 Zentimeter und erreichte eine Schulterhöhe von beinahe 100 Zentimetern. Sein Körpergewicht lag bei mehr als 50 Kilogramm. Jeder Konkurrent um ein Territorium oder um eine Fähe, eine Wölfin, würde genau überlegen, ob es ratsam wäre, sich mit ihm anzulegen. Um einen Kampf zu gewinnen, bräuchte es schon die Unterstützung von kräftigen Gefährten eines Rudels.

 „Wölfe denken, träumen, machen Pläne, kommunizieren intelligent miteinander – und sind uns ähnlicher als jedes andere Lebewesen“

Damians Träume waren kurz und tief. Die unaufhörlich rollenden Augäpfel unter den halb geschlossenen Lidern zeigten an, dass seine Träume immer wieder in Phasen des Dösens und eines halbwachen Zustands übergingen. Kurz bevor sein Geist die Traumbilder durchbrach, zuckten die Pfoten, die an ihrer Rückseite rostfarbenen Ohren stellten sich spitz auf, und er ließ ein gedämpftes tiefes Knurren hören. Sekunden später rollte er sich wieder auf die Seite und streckte den muskulösen Körper. Je nach dem Einfall des Lichts changierte sein dichtes Fell zwischen gräulich-weißen und hellbraunen bis in helles Ocker spielenden Farbnuancen. Auf dem langen und geraden Rücken zeigte sich der beinahe schwarze Sattelfleck, der sich bis zum Ansatz der buschigen Rute hinzog. Unterhalb des Fangs und an der Kehle war das Fell heller und verlor sich in weißlich melierte Grautöne. Die Läufe des Caniden waren lang, schlank und sehnig, die Pfoten beinahe so groß wie der Handteller eines Mannes. Als sich die Dämmerung wie ein Tuch über die Heide senkte, Damian sich gähnend reckte und mit honigfarbenen Augen die ihn umgebende Szenerie prüfte, zeigte sich seine hochbeinige Statur – die Statur eines Langstreckenläufers.

Wölfe können täglich Wegstrecken bis zu 70 Kilometer zurücklegen

In Regionen, die der Mensch durch seine Anwesenheit prägt und gestaltet, sind Wölfe vor allem dämmerungs- und nachtaktiv und wandern für gewöhnlich in der Dunkelheit. In nur einer Nacht können sie weite Distanzen von bis zu 60 oder 70 Kilometer zurücklegen. Dabei sind ihre Sinne bis auf’s äußerste geschärft, denn die Scheu vor den Zweibeinern, die das Volk der Wölfe in Europa über Jahrhunderte gejagt, vertrieben und nahezu ausgerottet hatten, ist tief in ihrem genetischen Gedächtnis verankert. Sie sind hervorragende Beobachter ihrer Umgebung, die sie ohne Unterlass und mit allen Sinnen prüfen. Deshalb haben selbst Naturliebhaber, die häufig unbesiedelte Rückzugsgebiete von Wildtieren durchstreifen, nur in Ausnahmefällen das große Glück, Wölfen zu begegnen. Meistens handelt es sich dabei um unerfahrene Jungwölfe, die sich auf ihren ersten Ausflügen zur Erkundung der näheren Umgebung zu weit von der Wurfhöhle oder vom „Rendevouzplatz“ entfernt haben, auf dem sich die Familiensippe trifft.

In aller Regel erfährt der Wolf lange von der Anwesenheit eines Naturwanderers, bevor dieser in seine Nähe gelangen kann. Die Ohren des Beutegreifers nehmen Töne bis zu 40 Kilohertz wahr (der Mensch: 20 Kilohertz) und registrieren Geräusche aus einer Entfernung von mehreren Kilometern. Seine Augen verfügen über einen Sehwinkel von 240 Grad (der Sehwinkel des Menschen liegt bei 180 Grad), und bei Dämmerung oder Dunkelheit kann er mit etwas Restlicht immer noch besser sehen als der Mensch, da das Tapetum Lucidum – eine Zellschicht auf der Rückseite der Netzhaut – für eine weiterhin gut erkennbare Hell-Dunkel-Kontrastierung sorgt.

Aber der ausgeprägteste und nahezu untrüglichste Sinn des Wolfes ist sein Geruchsinn. Während die für seine Leistungsfähigkeit grundlegende Riechschleimhaut in der menschlichen Nase lediglich 0,006 Zentimeter dick ist, ist sie bei den Hundeartigen 200 Mal so mächtig und misst bis zu 0,12 Zentimeter. Darauf befinden sich beim Menschen gerade einmal 5 – 10 Millionen Riechzellen, beim Wolf sind es 200 Millionen. Dementsprechend unterschiedlich groß sind die Areale zur Duftanalyse im Gehirn: Während es beim Menschen gerade einmal so groß wie eine Briefmarke ist, umfasst es bei den Caniden in entfalteter Form eine Fläche von etwa einer DIN-A4-Seite. Daher können Wölfe, wenn die Windrichtung gerade auf sie zukommt und nicht durch ungünstig stehende Seitenwinde gestört wird, potenzielle Beutetiere wie Hirsche oder Wildschweine auf eine Entfernung von zweieinhalb Kilometern ausmachen.

Die innere Unruhe, die Damian über mehrere Tage vor seinem Aufbruch beherrschte, hatte sein natürliches Hungergefühl unterdrückt, das jetzt mit Macht erwachte. Für gewöhnlich brauchen erwachsene Tiere täglich an die zwei bis drei Kilogramm Fleisch, um gut im Futter zu stehen und können beispielsweise beim frischen Riss einer Hirschkuh bis zu zehn Kilogramm Fleisch auf einmal zu sich nehmen. Sie sind aber auch dazu in der Lage, bis zu zwei Wochen zu hungern, wenn der Jagderfolg längere Zeit ausbleibt. Das ist nicht allzu selten der Fall, denn im Durchschnitt führt lediglich jeder zehnte Beutezug zu einem Riss. Neun Jagden enden ohne Erfolg.

Damians Sinne sind scharf: Er riecht, hört und sieht weit besser als der Mensch. Andere Lebewesen kann er kilometerweit orten. Bild: esmeraldaedenberg

„Obwohl jeder Wolf einen eigenen Charakter hat, gehören die Tiere insgesamt zu den anpassungsfähigsten Lebewesen“

Der Hunger meldete sich mit einem bohrenden Gefühl im Magen, das Damian dazu veranlasste, den Kopf leicht in den Nacken zu legen und die Nase in den Wind zu drehen. Er musste sich keine Gedanken darüber machen, ob er sich ausreichend mit frischer Nahrung würde versorgen können. Denn er war er zum ausdauerndsten, hartnäckigsten und erfolgreichsten Jäger im elterlichen Rudel herangewachsen. Weder Vater Fabian und Mutter Emilia noch sein kräftigster Bruder Miron waren bei der Verfolgung von Rehen und Hirschen so schnell wie er gewesen, und kein anderer war so geschickt den Angriffen von wutentbrannten Wildschweinbachen ausgewichen, deren Mutterinstinkt sie dazu trieb, todesmutig einen ihrer Frischlinge zu verteidigen, auf den es das Rudel abgesehen hatte. Auch deshalb bedeutete Damians Aufbruch einen herben Verlust für den Familienverband in den niederschlesischen Wäldern. Doch die Wolfsgesetze kennen kein Pardon. Wer überleben will, muss ihnen folgen.

Da war etwas, da lag etwas in der Luft! Damians empfindliche Nase analysierte einige wenige Duftmoleküle, die nur von einem Hasen stammen konnten, der sich in etwa einem Kilometer Entfernung auf dem Heideland tummelte. Zwar ernähren sich die wölfischen Beutegreifer in Europa zu mehr als der Hälfte von Rehwild, zu einem Viertel von Rothirschen und etwa zu einem Achtel von Wildschweinen. Doch wo die größeren Pflanzenfresser fehlen oder sich rar machen und auch keine Marderhunde, Mufflons, Gemsen oder Waschbären auf dem Speiseplan stehen, müssen sich die Prädatoren mit Hasen, Kaninchen, Mardern, Ratten und anderen Kleinsäugern zufrieden geben. Selbst von Mäusen und kleinen Reptilien wie Fröschen können sie in kargen Zeiten überleben, früher oder später jedoch braucht es wieder ein wölfisches Fünf-Gänge-Menü, um in Form zu bleiben. 

Der Hase ruhte in seiner Sasse, einer kleinen flachen Erdmulde, hatte die langen Löffel zurück über die Schultern gelegt und zupfte ab und an gelangweilt an den zarten Spitzen von Heidekräutern, die über den Rand der Mulde ragten. Eigentlich sind Feldhasen überaus wachsam und vorsichtig, da sie in manchen Regionen neben Füchsen, Wildschweinen, Greif- und Rabenvögeln neuerdings auch Wölfe zu ihren Fressfeinden zählen müssen.

Wenn ihnen aber von einem Jäger wie Damian nachgestellt wird, der bei seiner Annäherung jedes Geräusch vermeiden kann, um den guten Gehörsinn des Hasen nicht zu alarmieren und sich zudem gegen den Wind anpirscht, stehen die Überlebenschancen schlecht. Deshalb konnte der Hase auch nur noch einen einzigen Haken schlagen, den letzten seines Lebens, nachdem er im Zwielicht den zum Sprung ansetzenden Wolf hinter einem nahegelegenen Strauch entdeckt hatte und mit weit aufgerissenen Augen in höchster Panik aus der Sasse hochgeschnellt war. Die Flucht aber war nutzlos. Damian sprang, ahnte die Richtung des Hakens, fasste den Hasen an den Hinterläufen, drückte ihn zu Boden und brach ihm mit einem kurzen Biss das Genick. Er packte den zuckenden und blutwarmen Körper zwischen die Kiefer und trug ihn hinter den Strauch, der ihm vor seinem Angriff als Deckung gedient hatte.

Dort konnte er den Bauch des schmächtigen Pflanzenfressers mit messerscharfen Zähnen in Ruhe öffnen und mit dem Fressen der Innereien beginnen. Bald waren nur noch kleine hellbraune Streifen vom Fell des Unglücksrabens übrig. Die weiße „Blume“, wie der Jäger den Stummelschwanz des Hasen nennt, verwehte der Wind. 

Die Brut- und Setzzeit der Wildtiere hatte längst begonnen

Am späten Nachmittag des vergangenen Tages hatte Damian seine Wanderung am Fuß des Eulengebirges begonnen, das im Süden des südwest-polnischen Verwaltungsbezirks, der „Woiwodschaft“, Niederschlesien liegt. Den Hasen hatte er bei Einbruch der Dämmerung in der Heide getötet und sich nach seinem Mahl und einem kurzen Verdauungsnickerchen wieder in Marsch gesetzt. Jetzt, nach dem Einbruch der Dunkelheit, hielt er sich in nordwestlicher Richtung und streifte durch die Nacht der sanften Hügelketten des Naturparks Krajobrazowy Sudety Wałbrzyskie. Hier können die Nächte Anfang Mai noch sehr frisch sein, die Temperaturen klettern durchschnittlich nicht höher als auf sieben Grad. In diesem Jahr jedoch waren die Nächte mit bis zu 12 Grad ungewöhnlich warm und die Brut- und Setzzeit der Wildtiere hatte schon Anfang März begonnen. 

Der erbeutete Hase stillt nur den kleinen Hunger. Bild: Thorsten Spoerlein

Der Wolf lief durch einen schmalen Hohlweg, geformt von einer schroffen Felsformation und den überhängenden Wipfeln von Buchen und Bergahorn, pirschte den Hang hinauf und durchquerte ein Waldstück, das schließlich auf eine weite Lichtung führte. Die oft dicht bewaldeten Hügel wechselten sich talwärts mit offenen Wiesen und Feldern ab, die von einem Netzwerk kleiner Baumgruppen und Heckengebüschen durchzogen waren.

Damians Hunger war bei weitem nicht gestillt, aber unbeirrt seinen Weg fortzusetzen, schien ihm offensichtlich wichtiger, als ein weiteres Mal auf die Jagd zu gehen und sich aufzuhalten. Das vielfache Rascheln entlang der Strecke, das von potentiellen Beutetieren stammen mochte, hörte er wohl, und seine Nase verriet ihm die Duftspuren von in der Deckung ruhenden Rehkitzen und von Frischlingen, die sich im Schutz einer Wildschweinrotte in einer schlammigen Bodensenke suhlten. Er ließ sich jedoch nicht davon abbringen, Pfote vor Pfote zu setzen und seinem inneren Kompass zu folgen, der ihn seinem imaginären Ziel näher brachte.

„Wölfe sind intelligent, denn sie müssen überleben“

Das Wasser des schmalen Flüsschens Bystrzyca (deutsch: Weistritz) roch er lange, bevor er es erreichte. Nördlich des Städtchens Głuszyca durchquerte er den Nebenfluss der Oder, dessen Wasserlinie ihm lediglich bis knapp unter die Schultern reichte. Am anderen Ufer nach wenigen Metern angekommen, schüttelte er sich die Wassertropfen aus dem Pelz und beobachtete eine geräuschlos über die Wiese gleitende Schleiereule, die sich in der nächsten Sekunde mit ausgestreckten Fängen abrupt auf eine Maus stürzte, die ihren schützenden Bau nicht mehr rechtzeitig erreicht hatte.

Unbekannte Geräusche

Menschen war Damian noch nie in seinem Leben begegnet. Er kannte weder ihre Gestalt noch ihren Geruch. Doch gut 20 Kilometer nördlich seiner Route lag die Großstadt Walbrzych, von der er nichts ahnte, deren Existenz aber dafür sorgte, dass er erstmals mit Menschenwerk in Berührung kam. Denn als er die Hügelketten des Naturparks Krajobrazowy Sudety Wałbrzyskie durchquert hatte und sich hangabwärts eine große von Äckern und Feldern durchzogene Ebene öffnete, vernahm er merkwürdige Geräusche, die ihren Ursprung wohl in mehreren Kilometern Entfernung hatten. Geräusche, die ihm völlig fremd waren und die er nicht einordnen konnte. Geräusche, die ihm Angst machten und die von Schritt zu Schritt lauter wurden. Mit nichts, was in seinem Gedächtnis gespeichert war, waren sie zu vergleichen, am ehesten vielleicht mit dem grellen Zischen, das durch die Körperreibung eines Wanderfalken mit Luft entsteht, wenn er sich mit angelegten Flügeln und in der irrwitzigen Geschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde aus großer Höhe auf ein Kaninchen stürzt und nur wenige Meter vor dem Aufschlag auf der Erde blitzartig die Flügel entfaltet, die Fänge öffnet und zustößt.

Doch je näher Damian der Nationalstraße 35 kam, die nördlich von Wałbrzych über Świdnica nach Breslau und in südlicher Richtung zur tschechischen Grenze führt, desto lauter wurde das Zischen, das jetzt auch von einem unregelmäßigen Rumpeln und Poltern unterbrochen wurde und den Wolf in große Unruhe versetzte. Was war das? Wie konnte es sein, dass die geistige Geräuschebibliothek in Damians Welt, die das Zwitschern, Pfeifen und Trommeln von Singvögeln, den schrillen Ruf der dicht unter dem Himmel kreisenden Greife, das heisere Bellen von Rehen und das ekstatische Gekläff von Füchsen, die geheimnisvollen Lockrufe von Käuzen und Eulen, das Summen der Bienen und Brummen der Hummeln und Hornissen, den Flügelschlag von Schmetterlingen und das Sirren von Libellen, das Schnüffeln und Grunzen der Wildschweine und das kakophone Gequake der nassen Bewohner eines Froschtümpels kannte – wie konnte es sein, dass er das näher und näher kommende Zischen, Rumpeln und Poltern nicht deuten und einordnen konnte?  

Der Canide, der zunächst vom schnellen Galopp in den wolfstypisch weit ausgreifenden und federnden Trab gewechselt war, hielt mit einem Mal inne. Er stand auf offenem Feld und starrte wie gebannt auf ein Band aus gleißenden Lichtern. Er trat von einer Pfote auf die andere, bewegte sich ruckartig nach links, dann nach rechts, duckte sich und presste den Oberkörper auf den Boden bis die Brust einen Maulwurfshügel berührte, erhob sich, legte den Kopf in den Nacken und nahm Witterung auf, weil sich soeben der Wind vollständig in seine Richtung gedreht hatte. Er spitzte die Ohren und sog die Luft tief in die Lungen. Sie schmeckte nach Gefahr, nach einer Mischung aus Stein, Gummi und Metall, und nach vielen weiteren Aromen, die ihm völlig fremd waren.

Das Band, auf dem sich hellweiße, grellgelbe und rote Lichter in entgegengesetzte Richtungen bewegten, wand sich wie eine bedrohlich wirkende Schlange durch die Ebene. Als er sich vorsichtig näherte, niedersetzte und sich nach wenigen Minuten der Beobachtung und Prüfung allmählich an die Geräusche zu gewöhnen begann, zuckte er erschreckt zusammen, als der Fahrer eines Autos in einen niedrigeren Gang schaltete, um den vor ihm fahrenden Wagen zu überholen. Das Hupen des Überholten, das wie ein Messer in Damians Gehör schnitt, jagte ihn auf alle Viere. Am liebsten wäre er geflohen und hätte die Szene wie einen Alptraum hinter sich gelassen. Fort, nur fort von diesen zischenden Ungetümen! Als sich ein schmaler Streifen aus milchig grauem Licht am Horizont zeigte und allmählich rosa färbte, hatte Damian endlich die Überquerung der zweispurigen Straße gewagt. Seine Nerven vibrierten, die Tasthaare an der Schnauze zitterten, alle Muskeln waren bis zum Bersten gespannt. Er hatte eine Lücke in der Kette aufeinander folgender Lichter abgewartet und mit einigen wenigen wilden Sätzen die fauchende Schlange überwunden. 

Einem Hindernis, das Damian überwindet, folgen viele weitere. Bild: MikeLane45