Die Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher Feld- und Forschungsarbeit und den daraus resultierenden Erkenntnissen einerseits und (rein) fachlicher Expertise andererseits ist wichtig. Deshalb versucht der Autor der Website, „Informationen aus der Wissenschaft“ und „Nachrichten aus der Fachwelt“ voneinander mit zwei Menüpunkten zu trennen, auch wenn sich beide Gebiete wechselseitig beeinflussen oder einander sogar bedingen.
Fest steht offensichtlich jedoch, dass die von wissenschaftlichen Projekten und Forschungsarbeiten zu Tage geförderten Erkenntnisse im Sinne der Grundlagenforschung Basis für Maßnahmen in der Fachwelt sind, beispielsweise im Bereich Wolfsmanagement. Um so mehr gilt dies natürlich für die angewandte Forschung, wenn Forschende beispielsweise einen Projektauftrag von staatlichen Stellen erhalten, um mehr Sicherheit für politische, wirtschaftliche oder veterinärmedizinische Entscheidungen zu schaffen.
Methodisches Vorgehen nach wissenschaftlichen Regeln
Wie Wissenschaft und Fachwelt möglichst sauber voneinander zu trennen sind, kann möglicherweise am besten mit einer näheren Differenzierung der Begriffe „Wolfsforschung“ und „Wolfsbeobachtung“ deutlich gemacht werden.
Wolfsforschende orientieren sich an wissenschaftlichen Regeln, d.,h. sie gehen methodisch und strukturiert vor, erarbeiten eigenständig und auf der Grundlage transparenter und überprüfbarer Quellen objektiv nachvollziehbare Ergebnisse und Fakten, die sie stets systematisch hinterfragen und im wissenschaftlichen Diskurs kontrollieren (lassen). Wissenschaftliche Regeln gelten auch für Wolfsbeobachtende, wenn deren präzise Beobachtungen Teil von Forschungsfragen sind und zum Beispiel Rückschlüsse auf die Verhaltensbiologie zulassen.
Forscher, die auch beobachten und Beobachter, die nur beobachten
Die Beobachtung ist jedoch auch ein probates Werkzeug für eine mehr oder weniger intensive, aber nicht wissenschaftlich intendierte, Beschäftigung mit (Wild)tieren, die von NGOs, Vereinen, Initiativen und Einzelpersonen praktiziert wird. Diese werden deshalb unter dem Menüpunkt „Nachrichten aus der Fachwelt“ aufgeführt – im Gegensatz zu den auf dieser Unterseite porträtierten Wolfsforscher und -forscherinnen, die in ihrer Beschäftigung mit Wölfen ausschließlich oder überwiegend wissenschaftlichen Fragestellungen folgen. Übrigens: Die Forschenden werden von Wölfen in Flipboxen vertreten. Benutzen Sie deshalb die Mouseover-Funktion, um die Informationen jeweils auf der Rückseite der Box zu lesen.
Für die Veröffentlichung von Porträtfotos der hier präsentierten Personen müssen jeweils die Rechte eingeholt werden, um nicht das Urheberrecht von Fotografen, Buchverlagen oder Webportalen zu verletzen. In einigen Fällen hat sich das als sehr schwierig herausgestellt. Aus Gründen der Ausgewogenheit, und um nicht das Geschäftsmodell von Abmahnern zu bedienen, werden Wolfsforscherinnen und -forscher bildlich von ihren Forschungs„objekten“ vertreten. Vermutlich hat niemand dagegen etwas einzuwenden. Ein Klick auf die Box führt jeweils zu weiteren Informationen über die Person.
Das LUPUS Institut erforscht und überwacht die natürliche Wiederansiedlung der Wölfe in Deutschland. In Sachsen führt es das Wolfsmonitoring für das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) und in Südostbrandenburg im Auftrag des Landesamtes für Umwelt Brandenburg durch. Darüber hinaus leistet es im Rahmen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) für andere Bundesländer fachliche Beratung zu Fragen von Wolfsmonitoring und Wolfsverhalten.
Im Jahr 2002 wurde es – damals noch unter dem Namen „Wildbiologisches Büro LUPUS“ – von den Biologinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt gegründet und wird bis heute von ihnen geleitet. Mit Sitz in Spreewitz befindet es sich mitten in der Oberlausitz, der Region Deutschlands, in der Wölfe im Jahr 2000 zum ersten Mal wieder Welpen aufzogen.
Das Wolf Science Center oder auch Wolfsforschungszentrum (WSC) ist ein Forschungszentrum in Ernstbrunn, Niederösterreich. Das Zentrum ist im öffentlich zugänglichen Wildpark Ernstbrunn angesiedelt. Seit 2017 gehört das Wolfsforschungszentrum zur Veterinärmedizinischen Universität in Wien und bildet eine unabhängige Einheit (Core Facility Wolf Science Center).
Die Core Facility Wolf Science Center (CF-WSC) bietet Forschenden die Möglichkeit, wissenschaftliche Studien mit Hunden und Wölfen zu den verschiedensten Themenbereichen (z.B. Domestikation, Verhalten, Kognition, Physiologie, Tierhaltung) durchzuführen. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Personal (Wissenschaftskoordinatorinnen, Tiertrainerinnen) der CF-WSC.
Das WSC wurde 2008 von den Wissenschaftlern Friederike Range (Universität Wien), Zsófia Virányi (Universität Wien, früher Konrad Lorenz Institut für Evolutions- und Kognitionsforschung) und Kurt Kotrschal (Universität Wien, Konrad Lorenz Forschungsstelle, s. Wolfsforscher und -forscherinnen). Die Wissenschaftler wollten die Domestikation des Hundes auf dem Weg vom Wolf zum Hund unter dem Einfluss der Mensch-Tier-Beziehung verstehen.
Das Leibniz-IZW ist ein international anerkanntes Forschungsinstitut. Es gehört zum Forschungsverbund Berlin e.V. und ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Ziel ist es, die Anpassungsfähigkeit von Wildtieren im Kontext des globalen Wandels zu verstehen und zum Erhalt von gesunden Wildtierbeständen beizutragen. Dafür erforschen Wissenschaftler die Vielfalt von Lebenslauf-Strategien, die Mechanismen der evolutionären Anpassungen und ihre Grenzen – inklusive Wildtierkrankheiten – sowie die Wechselbeziehungen zwischen Wildtieren, ihrer Umwelt und dem Menschen.
Die Einrichtung setzt Expertise aus Biologie und Veterinärmedizin in einem interdisziplinären Ansatz ein, um Grundlagen- und angewandte Forschung – von der molekularen bis zur landschaftlichen Ebene – in engem Austausch mit Stakeholdern und der Öffentlichkeit durchzuführen.
Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung wurde als Referenzzentrum für Wolfs- und Luchsmonitoring in Deutschland unter weiteren Institutionen ausgewählt und untersucht seit 2010 in ihren Laboren des Zentrums für Wildtiergenetik in Gelnhausen alle bundesweit anfallenden genetischen Proben.
Heute ist die Gesellschaft eine der wichtigsten Forschungseinrichtungen rund um die biologische Vielfalt und mit dem Frankfurter Haus eines der größten Naturkundemuseen Europas.
Gemäß ihrer langen Tradition ist es „Aufgabe der Gesellschaft, Naturforschung zu betreiben und die Ergebnisse der Forschung durch Veröffentlichung, durch Lehre und durch ihre Naturmuseen der Allgemeinheit zugänglich zu machen“ (Satzung §2). Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN) ist Träger der acht Senckenberg-Forschungsinstitute und der drei Naturkundemuseen.
Das DBBW ist die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf. Zu ihren Aufgaben gehört es, die Behörden von Bund und Ländern bei Fragen zu wild lebenden Wölfen zu beraten und die in den Bundesländern erhobenen Daten zum Wolfsvorkommen bundesweit zusammenzufassen und in aufbereiteter Form der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.
Die DBBW stellt die hier dargestellten Informationen im Auftrag des Bundesamts für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUV) zusammen. Sie bietet Informationen zu den aktuellen Ergebnissen aus dem Monitoring des deutschen Wolfsvorkommens sowie aus dem Management von Wölfen in Deutschland an, wie die nationale Statistik zu Übergriffen auf Nutztiere, sowie allgemeine Hintergrundinformationen zur Tierart Wolf.
Gemeinsam mit LUPUS und dem Zentrum für Wildtiergenetik bei Senckenberg bildet das DBBW ein Forschungskonsortium, das das Wolfsmonitoring in Deutschland verantwortet.
Nach Angaben des Vereins CHWOLF mit Sitz in Einsiedeln, Kanton Schwyz, der sich als Schweizer Wolfschutzverein für den Naturschutz und für ein konfliktarmes Zusammenleben von Mensch und Wolf einsetzt (s. Nachrichten aus der Fachwelt), liegt der Ursprung der Wolfsforschung in der Schweiz.
Im Folgenden lesen Sie einen kurzen Streifzug durch die wichtigsten Etappen der Wolfsforschung in Europa und den USA bis zur Jahrtausendwende, der auf der Darstellung des CHWOLF beruht. Bereits vor der Jahrtausendwende, etwa ab Mitte der 1990-er Jahre – mit der zunehmenden Verbreitung der Wölfe in die Mitte Europas – erlebte die Wolfsforschung einen weiteren Aufschwung, der sich u.a. an der Gründung von Instituten wie LUPUS in Deutschland und WSC in Österreich zeigt. Dazu mehr in einem weiteren Beitrag.
Forschungen über das Sozialverhalten von Wölfen
Begonnen mit der konkreten Erforschung des Sozialverhaltens der Wölfe hat der Schweizer Verhaltensforscher Rudolf Schenkel von der Universität Basel 1934 im Basler Zoo. „Nach jahrelangen Beobachtungen“, wie es auf der Website des CHWOLF heißt, „veröffentlichte er 1947 seine berühmte Monographie über das Sozialverhalten von Wölfen.“ Zwei Jahrzehnte später nahm sich auch der deutsche Verhaltensforscher Erik Zimen (s. „Bedeutende Wolfsforscher…“) dem Studium des Sozialverhaltens von Wölfen an. Und 1972, wiederum fünf Jahre danach, „gründete der in die USA ausgewanderte deutsche Biologe und Ethologe Erich Klinghammer den Wolf Park Battle Ground (IN, USA), wo er nach jahrelangen Wolfsbeobachtungen mit der Zoologin Pat Goodmann erstmals ein Wolfs-Ethogramm erstellte“ – also einen Katalog über das gesamte Verhalten der Wölfe. Wie es dazu weiter bei CHWOLF heißt, war dieser Katalog ein Durchbruch, denn jetzt liessen sich die Beobachtungen von Wölfen durch verschiedene Personen systematischer, objektiver und transparenter dokumentieren.
Dabei waren die Informationen über das Verhalten von Wölfen bereits in den 1960-er Jahren durch telemetrische Messverfahren mit Hochfrequenz-Sendern zuverlässiger und vielfältiger geworden. Die Wildtier-Telemetrie wurde zunächst vor allem in den USA und Kanada eingesetzt. Unter anderem begannen Durward L. Allen und später Rolf O. Peterson (s. „Bedeutende Wolfsforscher…“) damit, die Wolf-Elch-Beziehung auf Isle Royal, USA, zu erforschen. Und weiter bei CHWOLF: „Seit 1968 erforscht L. David Mech (s. „Bedeutende Wolfsforscher…“) im Superior National Forest, USA und seit 1986 in Kanada auf Ellesmere Island, vor allem die ‚Räuber-Beute-Beziehung‘ und den Zusammenhang zwischen Wölfen und dem Ökosystem.“
Zur Entwicklungsgeschichte der Wolfsforschung bis zur Jahrtausendwende gehören darüber hinaus die von Carl R. Gustavson 1974 in den Vereinigten Staaten entwickelte „Conditioned Taste Aversion“ (CTA)-Methode, um Angriffe von Wölfen und Kojoten auf Schafherden zu verhindern. Weiterhin ist die Wiederansiedlung von Wölfen im Yellowstone Nationalpark ab 1995 zu nennen sowie die Forschungsarbeiten von Paul C. Paquet (s. „Bedeutende Wolfsforscher…“) und Chris Darimont, die die kanadischen Küstenwölfe in British Columbia erforschten.
Parallel zur außereuropäischen Forschungsarbeit wurden in den 1990-er Jahren auch in Europa große wissenschaftliche Projekt initiiert, vor allem in Italien, Spanien, Rumänien und Russland. So erforschte nach weiteren Angaben von CHWOLF ab 1992 vor allem Luigi Boitani (s. „Bedeutende Wolfsforscher…“) zusammen mit Erich Zimen die Ökologie der Wölfe in Italien. Zeitgleich untersuchte der deutsche Wildbiologe Christoph Promberger (s. „Bedeutende Wolfsforscher…“) ab 1993 in Rumänien im Rahmen eines zehnjährigen Projekts das Leben und Verhalten der Karpaten-Wölfe. Und letztlich leitet der russische Biologe Vladimir Bologov (s. „Bedeutende Wolfsforscher…“) seit 1993 ein Wolfsprojekt in der südwestlichen Taiga.
Mitte bis Ende der 1990-er Jahre scheinen sich Wölfe auf ihre allmähliche Rückkehr ins europäische Kernland vorbereitet zu haben. Gleichwohl galt es im Jahr 2000 als Sensation, als festgestellt wurde, dass ein Wolfspaar auf einem Truppenübungsplatz in der sächsischen Oberlausitz Welpen versorgte. Mit diesen Welpen entstand das erste Wolfsrudel in freier Wildbahn in Deutschland seit der Ausrottung der Prädatoren. Das Jahr 2000 gilt daher als das Jahr der Rückkehr der Wölfe.
Bis zum Jahr 2023 gründen sich nach Angaben des NABU (Bund Naturschutz) insgesamt 185 Wolfsfamilien in Deutschland. Zuzug kommt nicht nur von Osten, sondern auch aus dem Süden, der Alpenpopulation der europäischen Wölfe. So erhöht sich im Monitoringjahr 2023/24 nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz (BfN) und der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) die Zahl der Rudel noch einmal auf 209.
Die wachsende Zahl von Wölfen in Deutschland und ihre Verbreitung über mehrere Bundesländer, aber auch steigende Wolfsnachweise in der Schweiz, Frankreich und Italien, sorgten bei Natur- und Artenschützern für Freude. Bei den Haltern von Weidetieren und vermehrt bei Jagd- und Agrarlobbyisten führten die wachsenden Populationen an Wölfen hingegen zu Sorge und Ablehnung.
Um so wichtiger ist eine wissenschaftliche Herangehensweise an das Thema Wolf. Deshalb besteht das Hauptarbeitsgebiet des LUPUS Institut in Spreewitz in der wissenschaftlichen Begleitung und Erforschung der natürlichen Wiederbesiedlung Deutschlands durch den Wolf. Dabei ist das Wolfsmonitoring ein Schwerpunkt der Arbeiten.
Hatte sich die frühe Wolfsforschung auf das Verhalten von Wölfen in Zoos und Tierparks beschränkt, was von Freilandbeobachtungen abgelöst und durch die Ökosystemforschung sowie Studien zum Sozialverhalten in Familienverbänden erweitert wurde, sind vor dem Hintergrund der komplexen Gemengelage in der Debatte über den Wolf seit der Jahrtausendwende vor allem drei Schwerpunkte der Wolfsforschung von entscheidender Bedeutung:
Die ausgewählten wissenschaftlichen Untersuchungen und Berichte fokussieren auf Forschungsbereiche und Studienprojekte, die für die aktuelle Debatte um den Schutzstatus des Wolfs in Deutschland und Europa, für die Funktion und Rolle der Beutegreifer in Ökosystemen sowie für sein Sozialverhalten Bedeutung haben. Sie bieten valide und wissenschaftlich geprüfte Informationen. Die Auswahl wird kontinuierlich ergänzt.
Der Wolf hilft, den Wald zu verjüngen
Ich zitiere weiter: „Der Fachartikel basiert auf der Bachelorarbeit von Eike Schumann an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (HNEE). Das Untersuchungsgebiet waren vier Reviere des staatlichen Forstbetriebs Anhalt im Fläming, einem Höhenzug östlich von Magdeburg bis Baruth. Der Landesforstbetrieb von Sachsen-Anhalt bewirtschaftet in diesen Revieren eine Jagdfläche von insgesamt 12.516 Hektar. Die Hauptwildarten sind dort Dam-, Reh und Schwarzwild, Nebenwildarten sind Rot- und Muffelwild. Die Datenauswertung kann auf einen Zeitraum von 13 Jahren zurückgreifen, beginnend mit dem Jagdjahr 2007/2008 bis 2021. Erhoben wurde das Anwachsen der Wolfspopulation, die Entwicklung der Jagdstrecken sowie der Zustand der Kulturen im Wald.
Seit 2008 wurden im Landesforstbetrieb Sachsen-Anhalt im Rahmen eines waldbaulichen Kulturqualitätsmanagements alle durchgeführten Aufforstungen im Turnus von vier Jahren kontrolliert. Die Verbissschäden haben sich im Untersuchungszeitraum in allen vier Forstrevieren deutlich reduziert und auf niedrigem Niveau stabilisiert. Die Pflanzenzahlen sind durch das zusätzliche Ankommen von Naturverjüngung kontinuierlich gestiegen. Die Kosten für Zaunschutz sind dagegen in allen Revieren erheblich gesunken. Somit hat sich seit 2007 die waldbauliche Gesamtsituation im Fläming wesentlich verbessert.
Dennoch geht der Autor nicht so weit, seine Untersuchungsergebnisse zu verallgemeinern im Sinne des bekannten Ausspruchs ‚Wo der Wolf jagt, wächst der Wald‘. Die sehr deutlichen Korrelationen im Untersuchungsgebiet ergeben sich unter anderem dadurch, dass die hauptsächlich dort vorkommende Wildart, das Damwild, durch den Wolf stark beeinflusst werden kann.“
Prognosen über die Entwicklung der Gesamtpopulation des Wolfs in Deutschland
Nach der Absenkung des Schutzstatus des Wolfs im Zuge der Anpassung an die Berner Konvention und die FFH-Richtlinie in den EU-Mitgliedstaaten stellt sich die entscheidende Frage nach dem „günstigen Erhaltungszustand“ der Wolfspopulation. Denn davon – falls Wölfe nicht ohne Rechtsgrundlage gejagt werden – wird bei der Umsetzung der EU-Gesetzgebung in nationales Recht sowohl die Anpassung des Bundesnaturschutzgesetzes als auch die Veränderungen in den Jagdgesetzen der Bundesländer abhängen. Dafür kommt der „Populationsgefährdungsanlayse für die Art Wolf“ in der Schriftenreihe des Bundesamts für Naturschutz (BfN) eine wichtige Rolle zu.
In der Beschreibung der Studie heißt es: „Für die demografischen Analysen wurden erstmals alle in Deutschland verfügbaren Daten aus dem Wolfsmonitoring aller Bundesländer inklusive dem genetischen Monitoring verwendet, die von der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf DBBW zusammengestellt wurden. Mit dieser Grundlage wurde die Entwicklung der Wolfspopulation in Deutschland für die nächsten 100 Jahre unter verschiedenen Szenarien prognostiziert. Hierfür wurde ein räumlich-explizites, individuenbasiertes Modell durch das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung entworfen, um es als räumliches Prognose-Tool für die Vorhersage der Populationsentwicklung zu nutzen.“
Wie aus dem Fazit der Studie hervorgeht, warnen die Autoren vor dem Missverständnis, „den Populationsstatus nur anhand eines jährlichen Monitorings in Hinblick auf Populationsgröße und Vorkommensgebiet zu bestimmen. Um Veränderungen erkennen zu können, bedarf es einer Überwachung des Trends von Populationsgröße und Vorkommensgebiet über Zeiträume von mindestens 6 bis 12 Jahren.“ Dies hatte die Co-Autorin der Studie, Ilka Reinhardt vom LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und-forschung in Deutschland, auch in einem Intervierw mit dem Autor der Website betont.
Von einem emotionsbasierten zu einem evidenzbasierten Wolfsmanagement
Ilka Reinhardt und Gesa Kluth, die Co-Gründerinnen des LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland haben in Zusammenarbeit mit Felix Knauer, Projektleiter am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie/Conservation Medicine an der Universität Wien, Dr. Micha Herdtfelder von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg und Dr. Petra Kaczensky vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, in diesem 2023 erschienenen Kompendium den Beitrag „Wie lassen sich Nutztierübergriffe durch Wölfe nachhaltig minimieren? – Eine Literaturübersicht mit Empfehlungen für Deutschland“ verfasst.
In der Zusammenfassung schreiben die AutorInnen: „Mit dem anwachsenden Wolfsbestand nehmen auch die Übergriffe auf Nutztiere in Deutschland von Jahr zu Jahr zu. In einem Punkt sind sich Landwirtschaft, Naturschutz und Politik einig: Wolfsübergriffe auf Nutztiere sollen nachhaltig minimiert werden. Darüber, wie dieses Ziel am besten erreicht werden kann, gibt es jedoch unterschiedliche Ansichten. In der öffentlichen Debatte werden Forderungen nach einem vereinfachten Abschuss von Wölfen oder einer generellen Bejagung immer lauter. Dabei wird davon ausgegangen, dass durch solche Maßnahmen Nutztierschäden durch Wölfe nachhaltig minimiert werden könnten.
Geeignete Maßnahmen müssen evaluiert werden
Bevor Maßnahmen des Wildtiermanagements angewandt werden, braucht es klare Zielvorgaben. Die erste Frage muss daher lauten: Was ist das primäre Ziel der Managementmaßnahme? Auf Basis wissenschaftlicher Evidenz muss dann vorab evaluiert werden, ob die in Frage kommenden Maßnahmen geeignet sind, das Ziel zu erreichen. Dies ist zwingend, wenn die Maßnahmen auch das Töten von empfindungsfähigen und noch dazu streng geschützten Tieren beinhalten. Um überprüfen zu können, wie wirksam die gewählten Managementmaßnahmen im konkreten Einsatz sind, werden Kriterien zur Bewertung des Erfolgs benötigt.
In diesem Kapitel gehen wir der Frage nach, welche Managementmaßnahmen nach aktuellem Wissensstand geeignet sind, das Ziel, Wolfsübergriffe auf Nutztiere nachhaltig zu minimieren, zu erreichen. Wir erläutern zunächst, warum Wölfe Nutztiere töten und ob es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Wölfe und der Höhe der Nutztierschäden gibt. Dafür untersuchen wir unter anderem die Daten von Wolfsübergriffen auf Nutztiere in Deutschland. Anhand einer umfangreichen Literaturübersicht analysieren wir, ob die folgenden Managementmaßnahmen geeignet sind, Wolfsübergriffe auf Nutztiere nachhaltig zu minimieren: 1) eine generelle Bejagung von Wölfen, 2) die selektive Entnahme von einzelnen schadensverursachenden Wölfen und 3) nicht-letale Herdenschutzmethoden. Abschließend legen wir Empfehlungen zu einem evidenzbasierten und lösungsorientierten Wolfsmanagement in Bezug auf den Wolf-Nutztierkonflikt vor.
In Deutschland steigen mit der Zunahme der Wolfsterritorien auch die Übergriffe auf Schafe und Ziegen. Allerdings unterscheidet sich die Stärke des Anstiegs zwischen den Bundesländern erheblich. Einzelne Bundesländer erreichen bei der gleichen Anzahl an Wolfsterritorien sehr unterschiedliche Schadensniveaus. Dies deutet darauf hin, dass das Ausmaß der Schäden nicht allein durch die Anzahl der Wölfe bestimmt wird. Wir vermuten, dass die Unterschiede im Schadensniveau vor allem in der unterschiedlichen Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen in den einzelnen Bundesländern begründet sind.
Die generelle Bejagung von Wölfen führt nicht zur Reduzierung von Nutztierschäden
Die Ergebnisse der Literaturrecherche bezüglich der Wirksamkeit von letalen und nicht-letalen Managementmaßnahmen zum Schutz von Nutztieren zeigen klar: Eine generelle Bejagung von Wölfen führt nicht zu einer Reduktion von Nutztierschäden. Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass durch eine Bejagung die Schäden deutlich und nachhaltig verringert werden, es sein denn, der Bestand wird drastisch reduziert oder ganz ausgelöscht. Das ist in Deutschland und in der Europäischen Union bei aktueller Rechtslage nicht möglich. Im Gegensatz zu einer undifferenzierten Bejagung des Wolfs kann der gezielte Abschuss von Einzeltieren wirksam sein, wenn es sich tatsächlich um Individuen handelt, die gelernt haben, empfohlene funktionstüchtige Schutzmaßnahmen zu überwinden. Allerdings sind solche Fälle selten, und es ist schwierig in der freien Natur, ein bestimmtes Individuum sicher zu identifizieren und zu töten. Nicht-letale Herdenschutzmaßnahmen sind im Vergleich zu letalen Maßnahmen deutlich besser geeignet, eine nachhaltige Reduktion der Schäden zu erreichen. Der einzige Weg, um in Koexistenz mit Wölfen eine dauerhafte Reduktion von Schäden an Nutztieren zu erreichen, ist die fachgerechte Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen in breiter Fläche. Übergriffe auf Nutztiere lassen sich zwar auch dadurch nicht vollständig verhindern, sie können jedoch durch korrekt angewandte Herdenschutzmaßnahmen deutlich reduziert werden.
Das Wissen, wie Schäden an Weidetieren durch Herdenschutzmaßnahmen verringert werden können, ist auch in Deutschland vorhanden. Viele Tierhaltende haben hier inzwischen ein hohes Maß an Fachkompetenz entwickelt. Die Erfahrung aus den vergangenen 20 Jahren zeigt allerdings auch, dass die Auszahlung von Fördergeldern für Herdenschutzmittel allein nicht ausreicht, um die Anzahl der Übergriffe deutlich zu senken. Es muss auch gewährleistet werden, dass die fachliche Expertise für die korrekte Anwendung und Wartung zur Verfügung steht. Vor allem in Gebieten mit Prädations-Hotspots sollte aktiv auf die Tierhaltenden zugegangen werden und sollten die Gründe für die vermehrten Übergriffe analysiert und abgestellt werden.
Die Motivation zur Durchführung von Maßnahmen zum Herdenschutz muss erhöht werden
Bisher fehlen aus Deutschland Daten zur Funktionstüchtigkeit der geförderten und im Einsatz befindlichen Schutzmaßnahmen. Solche Daten sind notwendig, um zu verstehen, warum trotz steigender Präventionsausgaben die Nutztierschäden teilweise auch in Gebieten mit jahrelanger Wolfspräsenz nicht zurückgehen. Sie sind zudem die Grundlage für wissenschaftliche Studien zu möglichen Unterschieden in der Wirksamkeit verschiedener Herdenschutzmethoden. Daten zur Funktionstüchtigkeit von geförderten Herdenschutzmaßnahmen sollten zumindest stichprobenartig gesammelt werden, unabhängig davon, ob es in dem jeweiligen Gebiet Wolfsübergriffe gibt. Neben der Untersuchung der rein technischen Aspekte des Herdenschutzes ist es ebenso wichtig herauszufinden, wie die Akzeptanz gegenüber Herdenschutzmaßnahmen bei den Tierhaltenden verbessert und deren Eigenmotivation erhöht werden kann. Hierfür sind Daten zur Umsetzbarkeit und Akzeptanz der eingesetzten Herdenschutzmaßnahmen erforderlich. Nutztierhaltende sollten schon in die Konzeption entsprechender Studien mit eingebunden werden, um sicherzustellen, dass die Fragen untersucht werden, deren Beantwortung für sie am dringendsten ist.
Der Weg von einem emotionsbasierten zu einem evidenzbasierten Wolfsmanagement führt über wissenschaftlich robuste Daten und Analysen. Entsprechende Untersuchungen sind nur in enger Zusammenarbeit zwischen Weidetierhaltung und Wissenschaft möglich. Basierend auf der Fachkompetenz und den praktischen Erfahrungen der Weidetierhaltenden kann die Wissenschaft helfen, die Herdenschutzmaßnahmen zu identifizieren und weiterzuentwickeln, die Nutztierübergriffe am effektivsten reduzieren.“
NINA-Studie untersucht Wolfsangriffe auf Menschen
Die Verbände IFAW (International Fund for Animal Welfare), NABU und WWF haben 2020 ein Forscherteam um Dr. John Linnell an der Fakultät für Ökologie, Biotechnologie und Agrarwissenschaften an der University of Inland in Norwegen mit der Aktualisierung einer Studie über Übergriffe von Wölfen auf Menschen aus dem Jahr 2002 beauftragt. Wie es in der Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse in einer gemeinsamen Mitteilung der genannten Verbände heißt, hat es bezogen auf Deutschland hier seit der Rückkehr der Wölfe keine tödlichen Angriffe und auch keine aggressiven Annäherungen von Wölfen an Menschen gegeben. Die Ergebnisse wurden im April 2021 veröffentlicht.
Der Bericht zur Studie inklusive ein ausführliches Fazit kann hier nachgelesen werden.
In nicht wenigen Studien und vergleichenden Untersuchungen zwischen Wolf und Hund steht zu lesen, dass Wölfe durchschnittlich intelligenter als Hunde seien. Dabei stellt sich erstens die Frage, woran sich Intelligenz messen lässt und, falls Wölfe nach unserer menschlichen Vorstellung tatsächlich „intelligenter“ sein sollten –, weshalb sich zweitens die kognitiven Fähigkeiten bei Wolf und Hund unterschiedlich entwickelt haben. Von großem Interesse sind diese Fragen besonders im Hinblick auf das Verhalten von Wanderwölfen, da der Buchautor in Erfahrung bringen wollte, was Forschende bisher darüber wissen, warum es in vielen etablierten Wolfsrudeln einzelne Individuen gibt – und zwar sowohl Rüden als auch Fähen –, die ihren Familienverband verlassen und „auf Wanderschaft“ gehen, um ein neues Territorium zu erobern und dort ein eigenes Rudel zu gründen. Was motiviert die Tiere dazu, was treibt sie an, welches individuelle Rüstzeug an geistigen, emotionalen und körperlichen Fähigkeiten bringen sie mit, und auch: Warum werden manche Jungwölfe zu sogenannten „Weitwanderern“, die sich letztlich nicht nur hunderte, sondern tausende Kilometer von der eigenen Wurfhöhle entfernt, niederlassen? Kurzum: Gibt es ein „Wander-Gen“, dass Damian, dem Protagonisten des Buches, in die Wiege gelegt wurde? Wo also liegt die Grenze bei der literarischen Erzählung und Darstellung des Verhaltens von Damian zwischen einem originär tierischen (eventuell genetisch vorgegebenen) Code und einer eventuellen „Vermenschlichung“, das heißt Überinterpretation, seines Verhaltens?
Die hier veröffentlichten Ergebnisse beruhen auf Interviews, die der Buchautor und Inhaber der Website während einer Recherchetour im Juni 2025 mit den Co-Leiterinnen von LUPUS, Gesa Kluth und Ilka Reinhardt, in Spreewitz, Sachsen, Dr. Marianne Heberlein, wissenschaftliche Leiterin am WolfScienceCenter (WSC) in Ernstbrunn, Österreich, und mit Prof. Dr. Kurt Kotrschal in seinem Wohnhaus in Scharnstein, Salzkammergut, Österreich, geführt hat.
Zur Strukturierung und besseren Übersicht werden die Gesprächsergebnisse über Kognition und Verhalten im Blick auf Wanderwölfe thematisch in Fragen gegliedert.
Sind sich (Wander-)wölfe über ihr Verhalten bewusst? Können wir von einem Selbst-Bewusstsein der Tiere ausgehen?
„In der Verhaltensbiologie sprechen wir von serious mind,“ erklärt Dr. Marianne Heberlein, wissenschaftliche Leiterin Core Facility WSC und Leiterin des Tierteams am WolfScienceCenter (WSC) in Ernstbrunn. „Das bedeutet, dass ein Individuum Bewusstsein hat, also eine Vorstellung von sich und seiner Umwelt, damit es diese auch beeinflussen und gestalten kann.“ Die Verhaltensbiologin betont, dass diese Frage hinsichtlich von Tieren in der Forschung nach wie vor debattiert wird. „Früher ging man davon aus, dass Bewusstsein mit Sprache zu tun hat. Wenn sich ein Individuum sprachlich ausdrücken und beispielsweise kommunizieren kann, worüber es nachdenkt, dann ist man davon ausgegangen, dass das Individuum im Besitz von serious mind ist.“ Die Gehirne von Menschen und Wölfen seien unterschiedlich strukturiert, setzt Heberlein hinzu. „So ist das Geruchszentrum beim Wolf viel stärker ausgeprägt als beim Menschen, weil sich beide in unterschiedlichen Ökosystemen bewegen. Das heißt aber nicht, dass wir beim Wolf nicht auch von serious mind sprechen können. Das muss weiter ergebnisoffen erforscht werden. Dabei stellen wir Fragen nach dem Verständnis von Tieren über ihre Umwelt und den damit zusammenhängenden Konzepten.“
Wölfe entwickeln langfristige Strategien
Prof. Kurt Kotrschal, Mitbegründer des WSC, emeritierter Professor an der Universität Wien und ehemaliger Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle, vertritt in dieser Frage eine eindeutige Position: „Mit Sicherheit! Experimente am WSC haben gezeigt, dass Wölfe jeweils genau wissen, wer wer ist. Und sie verhalten sich so, als wüßten sie darüber Bescheid, was andere wissen.“ Experimentell sei Selbst-Bewusstsein schwer nachweisbar, sagt Kotrschal. Man könne aber jeweils davon ausgehen, dass Tiere, die in komplexen sozialen Settings lebten, viel über sich und andere wüssten. „So haben Wölfe im Gegensatz zu Hunden zum Beispiel eine gute Einschätzung für Mengen. Sie wissen, wieviele Wölfe im benachbarten Rudel leben. Und sie wissen deshalb auch, ob’s gefährlich ist, abzuwandern.“
Als weiteres Beispiel für seine Einschätzung führt der Verhaltensbiologe das Verhalten der Yellowstone-wölfe an, die ja „wunderbar gemonitored“ seien und „ziemlich komplizierte Dinge“ anstellten, die darauf schließen ließen, dass sie langfristige Strategien entwickeln. So habe zum Beispiel ein Rudel konkret zu dem Zeitpunkt, an dem das Nachbarrudel neugeborene Welpen in der Wurfhöhle zu versorgen hatte, die Wurfhöhle belagert und über Wochen einen Wolf nach dem anderen getötet. Der Experte: „Natürlich sind das keine netten Geschichten, aber so ticken Wölfe eben“.
Wölfe haben ein gutes episodisches Gedächtnis und bewerten Erlebtes emotional
„Alle Versuche am WSC in den vergangenen 15 Jahren haben gezeigt,“ so Kotrschal weiter, „dass sich Wölfe kognitiv nicht sehr stark von Hunden unterscheiden, aber dass sie wesentlich zielstrebiger sind. Dass sie wesentlich besser sind im Lernen durch Zuschauen. Und dass sie wesentlich besser im Begreifen von Kausalbeziehungen sind als Hunde. Die Unterschiede zwischen Wölfen und Hunden sind eindrucksvoll.“ All das lasse stark darauf schließen, dass Wölfe Langzeitstrategien entwickelten: „Dazu muss man aber wissen: Wer bin ich und wer sind die Anderen? Wölfe haben ein gutes episodisches Gedächtnis und wissen, was sie mit wem und wann erlebt haben, wie sich das angefühlt hat. Sie bewerten das Erlebte also emotional. Wir wissen sogar, unter welchen Bedingungen sich exekutive Funktionen bei Wölfen entwickeln.“ Dabei handelt es sich um kognitive Prozesse, die die willentliche Steuerung von Verhalten, Gedanken und Emotionen ermöglichen. Sie umfassen Fähigkeiten wie Planung, Arbeitsgedächtnis, Inhibition (Impulskontrolle) und kognitive Flexibilität. Diese Funktionen sind entscheidend für zielgerichtetes Handeln, Problemlösung und die Anpassung an neue Situationen.
In ihrer Bewertung, ob Wölfe tatsächlich inelligenter als Hunde sind, ist Heberlein vorsichtig. „Allerdings gibt es auch Verhaltensmuster,“ so die Biologin, „die auf gedankliche Überlegungen zurückgehen. Da ist zum Beispiel Aiyana, eine unserer Wölfinnen hier im Park. Wenn sie irgendeinen Gegenstand, beispielsweise ein Stöckchen sieht, denkt sie darüber nach, was sie damit jetzt wohl anstellen könnte. Das sieht man daran, dass sie verschiedene Dinge damit ausprobiert. Andere dagegen interessiert das vielleicht überhaupt nicht. Das ist wie bei uns Menschen: Es gibt Erfindertypen und Kreative, und wiederum andere, die lieber auf der Coach sitzen bleiben und genau das tun, was sie immer tun. Das sind genetische Grundlagen.“
Sind Wölfe im Durchschnitt tatsächlich intelligenter als Hunde?
„Die Forschung geht immer weiter und wir werden immer wieder überrascht,“ sagt Ilka Reinhardt, Co-Gründerin vom LUPUS Institut für Wolfsforschung und -monitoring in Deutschland. „Der Unterschied zwischen Wölfen und Hunden ist, dass Hunde sozusagen im ‚Hotel Mama‘ leben. Hunde müssen deshalb nicht selbständig denken. Mit Ausnahme von Herdenschutzhunden, denn diese müssen ihren eigenen Kopf haben. Ansonsten geht eher der Trend dahin, dass ein Hund ein Teamplayer sein soll, was aber bedeutet, dass er sich bei Herrchen oder Frauchen jeweils rückversichert. Wölfe dagegen müssen ihre Probleme selbst lösen, da beinahe jeder Wolf irgendwann einmal alleine unterwegs ist.“ Und dabei bleiben einige Tiere auf der Strecke. Reinhardt: „Ein Wolf, der hier in der Lausitz lebt, muss jeden Tag Straßen überqueren. Dabei zeigt die Statistik, dass besonders junge Wanderwölfe überfahren werden. Im eigenen Territorium kennen sie sich wohl ziemlich gut aus und können Straßen überqueren. Bei einer Wanderung ist das aber scheinbar anders.“
An der Komplexität wölfischer Intelligenz scheint jedenfalls mehr dran zu sein, als mitunter angenommen wird. So berichtet die Biologin aus Sachsen von der Tochter einer Fähe, die innerhalb eines Jahres alle ihrer insgesamt sechs Welpen auf einer Bundesstraße verloren hat, die durch ihr Territorium führt. Denn die Welpen hätten zum Teil nur 400 Meter von der Straße entfernt gespielt. Aber jetzt wird es spannend: „Bei einer Tochter der besagten Wölfin, die das Territorium ihrer Mutter übernommen hatte, ist über Jahre kein einziger Welpe überfahren worden! Wie faszinierend ist das denn? Ihre Welpen waren ja auch nahe an der Straße unterwegs und mussten diese auch permanent überqueren. Es ist so, als ob sie ihren Welpen gelehrt hätte, bei der Überquerung der Straße vorsichtig zu sein.“
Wölfe sind höchst aufmerksame Beobachter und folgen den Blicken anderer
„Zudem,“ darauf macht Kurt Kotrschal aufmerksam, „können nur wenige Tierarten einem Blick um eine Barriere herum folgen.“ Nachgewiesen werden konnte das bislang lediglich bei Raben, Menschenaffen und einigen wenigen anderen Affenarten. „Das Tier muss in diesem Fall erst um eine Barriere herumgehen, um zu sehen, wo der Partner auf der anderen Seite hingeschaut hat. Dies ist kognitiv sehr viel komplexer“, erklären Friederike Range, Forscherin am Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien und ihre Kollegin Zsofia Viranyi. Beide waren übrigens Initiatorinnen des Wolf Science Center im niederösterreichischen Ernstbrunn.
„Die Fähigkeit des Blickes um eine Barriere wird insbesondere kompetitiven oder kooperativen Tierarten nachgesagt. Wölfe stehen hierfür geradezu prototypisch: Sie ziehen den Nachwuchs gemeinsam auf, jagen gemeinsam und verteidigen ihr Revier gemeinsam“ wird Range dazu im Wissenschaftsportal scinexx.de zitiert. Und weiter heißt es dort: „Im Experiment wurde jeweils ein Wolf am Halsband festgehalten, ein weiterer Mensch stand direkt an einer Barriere und blickte in den für den Wolf nicht sichtbaren, von der Barriere verdeckten Bereich.“ Um dem Blick des Menschen zu folgen musste das Tier, sobald es losgelassen wurde, um die Barriere herumlaufen. Die Ergebnisse bestätigten die Annahmen von Range und Viranyi: „Unsere neun Wölfe folgten dem Blick von Menschen in die Ferne bereits nach 14 Wochen. Nach sechs Monaten folgten sie dem Blick sowohl von Artgenossen als auch von Menschen um eine Barriere herum.“
Das Folgen des Blickes eines Artgenossen ist ein erster Schritt zur „Theorie des Geistes“
Mehrere Untersuchungen lassen vermuten, dass dem Folgen eines Blickes in die Ferne und um Barrieren herum unterschiedliche kognitive Mechanismen zugrunde liegen. Die Ergebnisse dieser Studie unterstützen diese Theorie. „Wölfe folgen dem Blick anderer erst drei Monate später um die Barriere herum als in die Ferne. Außerdem haben sie nach ein- oder zweimaligen Wiederholen des Blickes im Falle der Barriere aufgehört, die andere Seite genauer zu betrachten. Allerdings, wenn ein Demonstrator wiederholt in die Ferne blickte, haben die Wölfe immer wieder geschaut, ob doch etwas zu sehen ist – auch nach zehn solchen Wiederholungen“, so Range. Die Untersuchungen über den Einblick eines Tieres in die geistige Welt eines Artgenossen zählen zu den großen Themen der Kognitionswissenschaft. „Das Folgen des Blickes eines Artgenossen ist ein erster Schritt zu der ‚Theorie des Geistes‘, also der Erkenntnis eines Tieres, dass Artgenossen auch ein bestimmtes Wissen haben und Intentionen, die sich von den eigenen unterscheiden“, erklären Range und Viranyi.
Und auch, dass Wölfe den kausalen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung besser verstehen als Hunde, konnte am WSC in einem weiteren eindrucksvollen Experiment gezeigt werden, auf das aus Platzgründen hier nur verwiesen werden kann.
Haben Wölfe einen eigenen individuellen Charakter, der sie von Artgenossen unterscheidet, oder hieße das, Wölfe zu vermenschlichen?
„Nein, man zeigt einen Wolf keineswegs als Kuscheltier, wenn man seinen individuellen Charakter herausarbeitet,“ antwortet Marianne Heberlein vom österreichischen WolfScienceCenter. Jedes Individuum hat unterschiedliche Verhaltensmuster. Aufgrund eines eigenen Charakters. „Aiyana, eine unserer Wölfinnen am WSC, ist sehr frech und sehr dominant. Nico dagegen ist eher unsicher und zurückhaltend, der sehr viel Unterstützung von uns Menschen braucht, damit er sich wohl fühlt, wenn wir mit ihm arbeiten. Denn er ist unglaublich sensibel. Kaja hingegen, um noch eine andere Wölfin im WSC zu nennen, strahlt extreme Ruhe aus. Das heißt: Ein jeweils individueller Charakter bei unseren Wölfen ist normal, das kennen wir doch auch von unseren Haustieren.“
„Jeder einzelne Wolf hat einen anderen Charakter,“ sagt Heberlein. „Das hat auch mit der Region zu tun. So kann der individuelle Charakter in bestimmten Regionen von Vorteil sein. Beispielsweise würde sich ein zurückhaltender und vorsichtiger Wolf in Regionen mit starker Bejagung gut fortpflanzen können, da er sich ‚unsichtbar‘ machen kann. Dagegen in einer Region, in der Wölfe forsch sein müssen, um sich gegen die Konkurrenz anderer Rudel oder Beutegreifer Ressourcen zu erschließen, da kann ein zurückhaltender Wolf eher Probleme bekommen. Sobald sich ein Individuum besser fortpflanzen kann, können die für den jeweiligen Charakter ausschlaggebenden Gene an die Nachkommen weitergegeben werden. Dementsprechend gibt es dann in dieser Region mehr Wölfe mit diesem beschriebenen Charakterzug, der sich im Erbgut etabliert hat.“
Gesa Kluth, Co-Gründerin des LUPUS Instituts unterstützt diese Darstellung: „Wölfe sind individuell unterschiedlich. Und das darzustellen, hat nichts mit einer Vermenschlichung zu tun. Dies würde man nur, wenn man Wölfen Eigenschaften wie ‚mutig‘, ‚verschlagen‘ oder ‚heldenhaft‘ zuordnen würde.“ Dabei mache es auch keinen Unterschied, ob Forscher Wölfen, Namen oder bestimmte Nummern gebe, wie es blich sei. „Denn auch, wenn man nur eine Nummer vergibt, weiß man genau, dass diese Nummer für ein bestimmtes Individuum steht. Name oder Nummer machen also keinen Unterschied.“
Ilka Reinhardt meint dazu: „Man wird schnell in eine Ecke gedrängt. Meiner Meinung nach verwenden die Wolfsgegner solche Ausdrücke wie ‚Wolfskuschler‘, um einen mundtot zu machen. Die wollen, dass keine faszinierenden Eigenschaften von Wölfen erzählt werden, deshalb heißt es bei denen, man vermenschliche die Tiere. Nein, man vermenschlicht gar nichts!“
Wie ähnlich sind sich Wolf und Mensch in ihrem Sozialverhalten?
Die Ähnlichkeit des Sozialverhaltens von Wölfen und Menschen ist frappierend. Das gilt besonders für das Verhalten im Rudel, der Familie der Wölfe. Dazu präsentiert Elli H. Radinger in ihrem spannenden und lesenswerten Buch Die Weisheit der Wölfe. Wie sie denken, planen, füreinander sorgen. Erstaunliches über das Tier, das dem Menschen am ähnlichsten ist zahllose Beispiele, die sie bei ihren jahrzehntelangen Freilandbeobachtungen im Yellowstone Nationalpark gesammelt hat. Ob es um die Aufzucht der Welpen geht, die sich das ganze Rudel teilt, um deren Erziehung und „Jagdausbildung“, die Fürsorge für schwächere Familienmitglieder und deren Pflege, um die innige Bindung des Elternpaares zueinander oder um die entschlossene Verteidigung ihrer Ressourcen im eigenen Territorium. Die Parallelen zwischen Wölfen und Menschen sind unübersehbar. Deshalb leitet Kurt Kotrschal das Gespräch mit dem Autor mit dem Satz ein: „Wer auf Wölfe schießt, dem sollte klar sein, dass er auf unsereins schießt.“
Zu diesem Thema trägt auch Ilka Reinhardt bei: „Man staunt immer wieder bei Wölfen. Wenn sie zum Beispiel einen schwerverletzten Welpen aufpäppeln. Ein anderes Beispiel: Ein richtig alter Rüde, der von anderen Wölfen schwer verletzt worden war, gefunden wurde und eingeschläfert werden musste, hatte, wie die Obduktion zeigte, einen Frischling im Bauch. Sein Rudel hatte ihn also versorgt. Das ist krass und zeigt, dass da offensichtlich doch ein bisschen mehr ist, als gemeinhin angenommen wird.“
Im WolfScienceCenter in Ernstbrunn sind seit 2008 sechs Generationen kanadischer Timber-Wölfe mit der Hand zu Forschungszwecken aufgezogen worden, wie Marianne Heberlein berichtet. Dabei wurden viele Verhaltensmuster beobachtet und dokumentiert, die an menschliches Sozialverhalten erinnern. So erzählt die Biologin von einem depressiven Wolf: „Die Bindung unserer gefangenen Wölfe untereinander ist sehr stark. So trauern sie, wenn ein Rudelmitglied stirbt. In einem Fall hatte ein Wolf nach dem Tod seiner Partnerin seine dominante Postion im Rudel aufgegeben. Er wollte nichts mehr mit seiner Verantwortung zu tun haben. Das einzige, was ihm noch Spaß gemacht hat, war Spazierengehen. Alles andere interessierte ihn nicht. Erst nach einem Jahr wurde er allmählich wieder fröhlicher.“
„Was uns als Menschen stärker bewusst sein sollte,“ so die Wissenschaftlerin, „ist, dass uns nicht nur der Wolf, sondern viele andere Tiere sehr ähnlich sind!“
Gibt es ein „Wander-Gen“ oder gar ein „Weitwander-Gen“?
Warum manche Wölfe losziehen und andere nicht, das ist noch nicht erforscht und kann trotz vieler Studien, die bisher über die Beutegreifer gemacht wurden, nur vermutet werden. Zur Klärung dieser Frage konnte auch die wissenschaftliche Dokumentation über das Schicksal von drei Wanderwölfen Die Odyssee der einsamen Wölfe nicht beitragen. Es bleibt das Geheimnis der Tiere.
Die LUPUS-Biologin Gesa Kluth berichtet, dass sie gemeinsam mit Kollegin Ilka Reinhardt während ihrer 25-jährigen gemeinsamen Forschungsarbeit schon häufig beobachten konnte, dass schon Jungwölfe im Alter von gerade einmal acht Monaten das heimische Rudel verlassen. „Diese Wölfe, die erst im April oder Mai des Vorjahres geboren wurden, laufen also schon im ersten Lebenswinter los und machen sich im nächsten Januar, Februar oder März auf Tour.“ Die meisten Wölfe, die abwandern, würden aber nicht so weit laufen. So versuchten weibliche Wölfe, also die Töchter des Elternpaars im heimischen Rudel beispielsweise, sich in der Nähe der Mütter zu etablieren. Andere hingegen, Rüden und Fähen, würden jedoch weiter wegziehen. „Warum das aber so ist,“ ergänzt Kluth, „wissen wir nicht. Warum manche Tiere sozusagen ein Weiterwander-Gen in sich tragen, andere aber nicht, ist uns unbekannt.“
Ilka Reinhardt erklärt dazu: „Aber auch hier gibt es doch eine Parallele zum Menschen. Ein Kind kann nicht früh genug ausziehen, das andere bleibt bei Mama solange, bis es nicht mehr geht. Faszinierend dabei ist, dass nicht nur männliche Wölfe weit wegwandern, sondern auch Fähen.“ Das Phänomen der Weitwanderung gebe es übrigens auch bei anderen Tierarten, zum Beispiel bei Bären. Hier aber machten sich nur die männlichen Bären auf die Socken, weshalb sich Bärenpopulationen viel langsamer als Wolfspopulationen ausbreiteten. Denn die Weibchen blieben jeweils in der Nähe ihrer Mütter.
Darüber hinaus gibt es, so Reinhardt, offensichtlich genetisch bedingte Unterschiede zwischen den Wolfspopulationen in verschiedenen Regionen. So haben aktuelle Untersuchungen in Spanien ergeben, dass die dort etablierten Wölfe lediglich etwa 30 oder 40 Kilometer weit wanderten. „Und,“ so ergänzt Kluth, „es ist noch nie ein Wolf aus den Karpaten zu uns eingewandert. Die zentraleuropäische Population wandert in alle Richtungen, aber die Karpatenpopulation tut das nicht, obwohl sie es ja nicht weit hätte und bald an der tschechischen Grenze wäre.“
Und noch etwas ist interessant: „Wenn man sich die Gründerwölfe unserer deutschen Population anschaut,“ so Reinhardt, „dann waren das Weitwanderer aus Osteuropa, die genetisch sehr erfolgreich waren. Denn wenn wir die Zahl ihrer Nachkommen sehen, sind wir ganz schnell bei 500 Individuen.“ Übrigens: Die meisten Weitwanderer, darüber gibt es fundierte Studien, haben nicht den gleichen Fortpflanzungserfolg wie Wölfe, die in der Region bleiben. „Deshalb,“ betont Reinhardt, „ist das schon eine immense Leistung, wenn es Weitwanderern bei allen Gefahren gelingt, in ein bisher noch nicht von Wölfen besiedeltes Gebiet vorzustoßen und sich dort zu etablieren.“
Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, die sich vorrangig nicht für Fragen des Umwelt- und Naturschutzes interessieren, nicht bekannt ist, welche Bedeutung Wölfe für die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen auf der nördlichen Erdhalbkugel haben. Aber Wölfe sind nicht nur Beutegreifer, die im besten Fall von anderen Wildtieren leben, und ansonsten keine Rolle in ihrer natürlichen Umwelt spielen, sondern beeinflussen die Entwicklung der Tier- und Pflanzenwelt in ihrem jeweiligen Habitat in entscheidender Weise. Ein erster kurzer Einblick in diese Zusammenhänge ist auf dieser Website bei Doug Smith, Leiter des Wiederansiedlungsprojekts der Wölfe im Yellowstone Nationalpark in den USA, nachzulesen („Über den Autor“/Trophische Kaskade). Ausführlicher nimmt im Folgenden Prof. Kurt Kotrschal zur Rolle und Funktion von Wölfen im Ökosystem aus österreichischer Perspektive Stellung.
Zunächst aber die Frage: Wie sehen Ökosysteme in unseren Breiten heute eigentlich aus? Denn es ist wichtig, über deren Zustand Bescheid zu wissen, da sich erst dann die wahre Bedeutung der Wölfe erschließt. Der Verhaltensbiologe: „Wir haben in Zentraleuropa überall nur noch Kulturlandschaft. Nichts ist unbeeinflusst durch den Menschen, nicht einmal die Alpengipfel.“ Wenn wir heute also von „Natur“ sprechen und beispielsweise mit der Familie einen Ausflug ins Grüne planen, führt die Fahrt außerhalb von Ballungszentren in ein schachbrettartiges Muster von landwirtschaftlichen Nutzflächen und fragmentarisch angeordneten Wirtschaftswäldern. „Wildnis“, also von Menschen unberührte und ungestaltete Natur, gibt es in Zentraleuropa lediglich in kleinen von Nationalparks geschützten Inseln.
„Man kann Landwirtschaft halt nicht mit den gleichen Kriterien betreiben wie eine Schraubenfabrik“
„Trotz Naturschutz und nicht unbeträchtlicher Ausgaben für den damit verbundenen wissenschaftlichen Aufwand haben sich die Dinge in Mitteleuropa über die vergangenen Jahrzehnten nicht zum Besseren gewendet,“ stellt Kotrschal fest. „Im Gegenteil: Die Arten und Habitate, die unter der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU gemonitored werden, haben sich zu 80 Prozent verschlechtert.“ Beispiel Insektensterben: „Nach neuen Studien sind mehr als 90 Prozent der Schwebfliegen verschwunden und die Bestäuberarten nehmen rapide ab.“ Der Hauptfaktor in dieser Entwicklung ist, so der Mitgründer des WolfScienceCenter, wahrscheinlich die industrialisierte Landwirtschaft. „Wobei nicht die einzelnen Bauern die Bösen sind,“ ergänzt er, „aber man kann Landwirtschaft halt nicht mit den gleichen Kriterien betreiben wie eine Schraubenfabrik. Es gibt ökologische und strategische Zusammenhänge zu bedenken, die zu wenig bedacht werden.“ Zwar würden immerhin 30 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Österreich biologisch bewirtschaftet. Doch die Biobauern könnten die Preise nicht mehr erzielen, die sie benötigten, um rentabel wirtschaften zu können, da sie unter dem Preisdiktat von Supermärkten stünden.
Dabei sind die Auswirkungen der konventionellen Landwirtschaft schon heute erschreckend. So berichtet der im Salzkammergut lebende Wissenschaftler von Kartoffelbauern in Österreich, „die ohne Gift fast keine Kartoffeln mehr hochbringen. Warum? Weil überall die Drahtwürmer, die Larven des Schnellkäfers (Familie Elateridae), in den Böden sind.“ Gerade im Kulturland, so Kotrschal weiter, müsse man doch darauf achten, dass die vielfältigen Netzwerke im Ökosystem nicht zusammenbrechen: „Mit Gift und Kunstdünger kann man vielleicht noch einige Zeit arbeiten, aber wir sind hier ziemlich nahe am Ende der Fahnenstange angekommen.“ Blühstreifen am Rande der Äcker seien reine Alibi-Aktionen, nicht mehr. „Die Insekten wird das nicht retten.“
70 Prozent des Holzeinschlags in Österreich bestand 2023 aus Schadholz
Und jetzt zum Wald als weiterem wichtigen Element der Kulturlandschaft: 50 Prozent der Fläche in Österreich sind Wald, so Kotrschal. Auf’s erste Hinhören hört sich das sehr gut an – wenn nicht 90 Prozent dieses Waldes aus Plantagenwirtschaft bestehen würde, „also aus Stangerlwald“, wie der Wissenschaftler naserümpfend anfügt. Und genau das hat aufgrund des Klimawandels dazu geführt, dass 2023 rund 70 Prozent des Holzeinschlags in Österreich aus Schadholz bestand. Kotrschal: „Durch Windwürfe und Käferbefall, was hauptsächlich die Fichte betrifft.“
Dabei sei vor dem Hintergrund der Krise in den natürlichen Lebensräumen das Gebot der Stunde, Biodiversität möglich zu machen, also Vielfalt der Lebensformen zuzulassen und zu fördern. Wie das gelingen kann, habe ein Waldbesitzer auf einer Fläche von gerade einmal 40 Hektar vorgeführt, der vor 60 Jahren auf naturnahe Waldwirtschaft umgestellt habe. Kotrschal: „Man sieht in der Ästhetik der Wälder einen Riesenunterschied.“ Zudem sei es dringend geboten, die Wälder klimafit zu machen. Dazu müsse auf einen natürlichen Aufwuchs vertraut werden, denn dann kämen Eichen- oder Tannenkeimlinge hoch, die alle genetisch unterschiedlich seien und den jeweiligen Standort vertragen und stabilisieren würden. Waldbauliche Experimente, wie beispielsweise mit der Douglasie, könne man sich dann sparen, weil das ohnehin nichts bringe.
Jagdpachten sind ein besseres Geschäft als die Holzwirtschaft
„Nein,“ weiß Kotrschal, „standortgerechte und klimafite Wälder entstehen durch Naturverjüngung und durch die Umstellung auf naturnahe Waldwirtschaft.“ Dass das in Österreich nicht funktioniere, liege am mangelnden Interesse der großen Waldbewirtschafter. Da der Wald zu mehr als 80 Prozent im Privatbesitz sei – vorwiegend alter Adel und Klöster besitzen Wald –, werde er nicht klimafit gemacht, weil die Waldbesitzer die Umstellung verweigerten. Das Ergebnis dieses Nicht-Handelns sehe man zum Beispiel in der Steiermark. Auch da bestehe der Wald aus Wirtschaftswäldern mit Fichten ohne Unterwuchs. Warum ist das so? Kotrschal: „Weil große Grundbesitzer mehr mit Abschuss und mit Jagdpachten verdienen als mit der Holzwirtschaft. 1 Meter Rundholz bringt heute zwischen 100 und 120 Euro, müsste aber 200 Euro bringen, damit das Geschäft einigermaßen profitabel ist. Holzwirtschaft lohnt sich also nicht mehr, denn die Preise sind am Boden. Im Gegensatz dazu lohnt sich die Verpachtung von Wald an Jäger aber durchaus.“ Dabei könne man bei der vorherrschenden Form der Jagd, die ja eine Trophäenjagd im klassischen Sinne sei, nicht von einem Ökomanagement sprechen. Das Argument „Jagd ist angewandter Naturschutz“, das gerne verbreitet werde, sei falsch und genau das Gegenteil sei der Fall.
Aber so könne es in einem Land wie Österreich, das zur Hälfte mit Wald bewachsen sei, nicht weitergehen, meint der Wissenschaftler: „Das Bundesumweltamt meldet, dass seit 2020 die Waldflächen mehr CO2 emittieren als sie binden. Das sind doch die wirklichen Probleme! Wenn wir nicht flächendeckend umstellen, wird es irgendwann die größten wirtschaftlichen Probleme geben.“ Interessenverbände und Politik lenkten die Öffentlichkeit aber nach wie vor ab: „Wir erleben über wenige Jahrzehnte den radikalsten Zusammenbruch an Biodiversität weltweit. Und in dieser Situation, in der uns die Bestäuber ausgehen, in der viele Landwirte nicht mehr wissen, was sie noch gegen Parasiten unternehmen können, fällt Lobbyverbänden und Politikern als erstes ein, einen zurückgekehrten Beutegreifer wie den Wolf abzuschießen. Das ist armselig.“
„Wir werden den Wolf nicht wieder los“
Noch dazu werde das an der Präsenz des Beutegreifers in Mitteleuropa, und damit auch in Österreich, nichts ändern. Kotrschal: „Meine Botschaft ist ganz einfach: Wir werden den Wolf nicht wieder los. Da können sie schießen, soviel sie wollen. Der nächste Wolf kommt nach Österreich – aus Italien, oder woher auch immer, denn überall gibt es relativ große Populationen.“ Die einzige Möglichkeit, mit dem Wolf klar zu kommen, sei es deshalb, die Rudelbildung zuzulassen und das mit guten Herdenschutzmaßnahmen zu kombinieren. Überdies: Wer für geringere Wolfsdichten sorgen wolle, der müsse für geringere Wilddichten sorgen, denn die Nahrungsdichte bestimme die Prädatorendichte.
Warum also nicht besser mit einem Tier „zusammenarbeiten“, das den Menschen bei der Bewahrung natürlicher Lebensräume unterstützen kann? Dazu verweist der ehemalige Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle auf Studien, die den Einfluss des Wolfs auf die Bestände von Schalenwild, also Rot-, Reh- und Schwarzwild, und damit auch seine erhebliche Wirkung auf die Wirtschaftlichkeit zeigten. Denn für die Waldbesitzer sei es billiger, den Wald mit dem Wolf als ohne ihn zu bewirtschaften.
Kotrschal: „Wölfe sind wesentlich besser als menschliche Jäger bei der Gesunderhaltung des Wildbestands. Sie betreiben eine Auslese bei alten, kranken und jungen Beutetieren. Jäger machen das Gegenteil. Sie sind nicht daran interessiert, viele Geißen (weibliche Tiere) zu schießen, da der kapitale Hirsch nach wie vor viel interessanter ist.“ Zudem gebe es hunderte von Wildfütterungen sowie Wildgatter, durch die das Wild im Winter eingefangen und durchgefüttert werde. Der Biologe weiter: „Dadurch haben wir seit mehr als 100 Jahren (menschlich gesteuerte) Selektionsregime. Wenn man genetische Untersuchungen machen würde, dann würde sich herausstellen, dass Reh- und Rotwild eigentlich schon auf dem Weg zur Domestikation sind.“ Der Wolf aber würde dabei helfen, einen anderen Selektionsdruck aufrechtzuerhalten. Diese Funktion sei für den Wildbestand absolut gesundheitsrelevant.
Partei für Wölfe ergreifen kann man nicht nur aus ethischen und romantischen, sondern auch aus funktionellen Gründen
Eine weitere bedeutende Funktion des Wolfs für die Ökosysteme: „Wo Wölfe vorkommen,“ erklärt der Wissenschaftler, „stiegt im Wesentlichen die Diversität an Kleintieren. Einer der Gründe dafür ist, dass Wölfe Konkurrenten gegenüber relativ unduldsam sind. So gibt es in Wolfsgebieten nicht so viele Rotfüchse.“ Dadurch könnten sich die Populationen von Bodenbrütern erholen. Bodenbrütende Vögel auf Wiesen und Feldern sind beispielsweise Feldlerche, Rebhuhn, Wachtelkönig und Braunkehlchen. Kotrschal: „Es handelt sich also nicht nur um ethische oder romantische Gründe, warum man Partei für große Beutegreifer ergreifen kann. Das hat vielmehr auch funktionelle Gründe!“
Deshalb ist nach den Angaben des Wissenschaftlers auch das immer wieder zu hörende Argument falsch, dass der Wolf der Almwirtschaft schade. Kotrschal: „Warum hat denn die Almwirtschaft in Österreich Probleme? Nicht nur wegen der bösen EU, die die Hygienevorschriften für Käsereien verschärft hat, sondern weil es kein Personal mehr auf der Alm gibt.“ Das könne man daran erkennen, dass Schafe und Jungrinder immer wieder unbeaufsichtigt blieben. Das sei ein neues Phänomen. Zudem führe die Klimaerwärmung dazu, dass die Almen leichter verbuschten. „Auch zur Freihaltung der Flächen ist kein Personal mehr vorhanden.“
Auf tiefer gelegenen Almen wird mit Gülle gedüngt
Wenn also behauptet werde, „Wir Almbewirtschafter sorgen für Biodiversität“, stimme das zum Großteil nicht mehr. Denn auf den tiefer gelegenen Almen werde Gras- und Heuwirtschaft betrieben, mehrmals pro Jahr gemäht und mit Gülle gedüngt. Die Schutzfunktion für Biodiversität, die eine extensive Weidewirtschaft ja wirklich hat, ist den Bach runtergegangen.“ Das alles aber habe mit dem Wolf nichts tun. Deshalb sei die Stereotype „Der Wolf ist der Totengräber der Almwirtschaft“ schlichtweg falsch.
Hierzu ergänzt Dr. Marianne Heberlein vom WolfScienceCenter im Gespräch mit dem Autor: „Jahr um Jahr werden extrem viele Schafe und Ziegen auf die Berge getrieben, um die sich aber kaum noch jemand kümmert. Oft sind diese Nutztiere nicht gesund und stecken Wildtiere mit der sogenannten Gamsblindheit, oder mit der Klauen- oder der Blauzungenkrankheit an. Alleine an der Gamsblindheit, die von Schafen übertragen wird, sterben viele Gämsen. Schafe gehören deshalb grundsätzlich eingezäunt – und zwar mit Strom. Aber das hat überhaupt nichts mit dem Wolf zu tun!“ Darüber hinaus, so die Biologin, zählt niemand, wie viele Schafe jedes Jahr in den Bergen einfach vergessen werden. Und auch daran trage der Wolf keine Schuld.
Im Ergebnis führten falsche Informationen über den Wolf dazu, was wir zurzeit in der Schweiz beobachten könnten. Dort wurde im Dezember 2023 erstmals der präventive Abschuss von Wölfen erlaubt. Alleine zwischen September 2024 und Januar 2025 sind nach einem Bericht des SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) in fünf Kantonen fast 100 Wölfe präventiv („vorsorglich“!) abgeschossen worden. Heberlein: „Das ist eine Katastrophe! Hier hatte man eine steigende Wolfspopulation und zugleich eine sinkende Risszahl bei Nutztieren. Das heißt: Es funktioniert, Wölfe und Nutztiere parallel zu halten. Denn nur zwei Prozent der getöteten Schafe gehen auf Wölfe!“
Offensichtlich aber haben populistische Instinkte allzu oft einen höheren Stellenwert als Vernunft, Ethik und wissenschaftliche Evidenz.
Die Fakten
Die Europäische Union hat im Mai 2025 beschlossen, den Schutzstatus des Wolfs von „streng geschützt“ auf „geschützt“ zu senken, nachdem der Rat der Mitgliedstaaten den Vorschlag der Kommission bereits im April des Jahres bestätigt hatte. Diese Entscheidung soll den EU-Mitgliedstaaten u.a. ermöglichen, Wölfe leichter abschießen zu lassen, die Konflikte mit Haltern von Weidetieren verursachen. Die Herabstufung des Schutzstatus des Wolfs wurde von der EU-Kommission vorgeschlagen, vom Europäischen Parlament per Eilverfahren beschlossen und vom Rat gebilligt.
Nachdem im Jahr 2023 erste Initiativen aus EU-Institutionen zur Herabstufung des Schutzstatus des Beutegreifers bekannt wurden, ging die Schaffung der erforderlichen Rechtsgrundlagen verhältnismäßig schnell.
Vorgeschichte und rechtliche Grundlagen
Die Herabsetzung des Schutzstatus des Wolfs ist eine Konsequenz der zuvor erfolgten Absenkung des Schutzstatus des Beutegreifers in der Berner Konvention sowie innerhalb der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH). Die FFH-Richtlinie ist rechtlich an die Berner Konvention gebunden. Bevor die EU den Schutzstatus des Wolfs ändern durfte, musste also die Berner Konvention angepasst werden.
Die Berner Konvention heißt offiziell „Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wild lebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume“ und ist ein völkerrechtlicher Vertrag des Europarates aus dem Jahr 1979. Die Richtlinie 92/43/EWG (FFH-Richtlinie) des Rates vom 21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wild lebenden Tiere und Pflanzen „dient der Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt, indem sie die Mitgliedstaaten der Europäischen Union insbesondere dazu verpflichtet, natürliche Lebensräume sowie wild lebende Tiere und Pflanzen zu schützen, insbesondere durch ein zusammenhängendes Netz aus Schutzgebieten“, erläutert das Bundesamt für Naturschutz.
Die Absenkung des Schutzstatus des Beutegreifers in der Berner Konvention war am 6. März 2025 in Kraft getreten, nachdem die EU-UmweltministerInnen einen Vorschlag zur Herabstufung des Schutzstatus im September gebilligt hatten und der ständige Ausschuss der Berner Konvention am 03. Dezember 2024 in Straßburg entschieden hatte, den Schutzstatus von Wölfen von „streng geschützt“ auf „geschützt“ herabzustufen. „Der Vorschlag hierzu stammte ursprünglich von der EU-Kommission und wurde vom EU-Rat beschlossen. Trotz des Widerstandes zahlreicher WissenschaftlerInnen und Umweltschutzorganisationen wurde das Schutzniveau gesenkt“, erklärt dazu das „Öko-Büro Österreich, die Allianz der Umweltbewegung“. Dazu stellt Dr. Martin Steverberg für den „Wildtierschutz Deutschland e.V.“ ergänzend fest, dass „im Anhang II der Berner Konvention aus dem Jahr 1979 streng geschützte Tierarten aufgeführt sind. Für sie gilt ein grundsätzliches Tötungsverbot, das begrenzte Ausnahmen zulässt. Der Wolf ist nun aber nicht mehr im Anhang II, sondern im Anhang III gelistet. Das grundsätzliche Tötungsverbot gemäß Berner Konvention ist damit aufgehoben.“
Nach der Herabsetzung des Schutzstatus in der Berner Konvention wurde dieser nun auch in der FFH-Richtlinie von „streng geschützt“ (Anhang IV) zu „geschützt“ (Anhang V) vollzogen. Die EU-Kommission hatte dazu ihren Vorschlag unmittelbar am Tag des Inkrafttretens der Änderung in der Berner Konvention vorgelegt, denn die FFH-Richtlinie konnte nicht in einem einzelnen Rechtsakt geändert werden, da sie rechtlich an die Berner Konvention gebunden ist.
Hintergründe der Absenkung des Schutzstatus
Hintergrund der Änderung ist der Umstand, dass die Wolfspopulationen in verschiedenen Mitgliedstaaten gewachsen sind. Dies stellt einerseits einen Erfolg des Artenschutzes dar, führt jedoch in einigen Regionen immer wieder zu Konflikten, insbesondere in Bezug auf die Nutztierhaltung. So heißt es in einer Pressemitteilung des Rats der Europäischen Union vom 16. April 2025: „In den letzten Jahrzehnten hat sich der Erhaltungszustand des Wolfs positiv entwickelt. Die Art hat sich auf dem gesamten europäischen Kontinent erfolgreich erholt. Die geschätzte Population hat sich innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt (von 11.193 Exemplaren im Jahr 2012 auf 20.300 im Jahr 2023).’“ Und weiter: „Diese anhaltende Ausbreitung hat zu sozioökonomischen Herausforderungen geführt, insbesondere im Hinblick auf die Koexistenz mit menschlichen Tätigkeiten und die Schädigung des Viehbestands. Den neuesten verfügbaren Daten aus den Mitgliedstaaten zufolge wird die Zahl der in der EU vom Wolf gerissenen Tiere auf mindestens 65.500 Tiere pro Jahr geschätzt.“
Folgen
Die EU-Mitgliedstaaten haben nach der Herabstufung des Schutzstatus des Wolfs nun bis zu 18 Monate Zeit, diesen in nationales Recht zu übertragen und verwaltungsmäßig umzusetzen. Für Deutschland bedeutet dies, dass zunächst das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) geändert werden müsste. Hierin ist das Wildtier streng geschützt und darf nicht gejagt werden. Der Verstoß gegen den Schutzstatus wird mit hohen Strafen geahndet. In Bundesländern allerdings, in denen der Wolf ins Jagdrecht übernommen wurde, können Jäger unter bestimmten Voraussetzungen eine „Entnahmeerlaubnis“ für einzelne Wölfe erhalten, wenn diese eine Gefahr für Nutztiere oder Menschen darstellen oder wenn sie schwer verletzt sind.
Einordnung und Bewertung der Forschenden
Für Prof. Kurt Kotrschal ist die Herabsetzung des Schutzstatus eine „rein politische Aktion“. Für den Wolf an sich sei sie keine Katastrophe, sofern die daraus folgenden Maßnahmen regelkonform ablaufen würden. Für bedenklich hält der Verhaltensbiologe und Wolfsexperte die Statusveränderung gleichwohl – und zwar aus zwei Gründen: „Erstens, weil etwas Falsches suggeriert wird. Denn der Wolf ist ja nach wie vor geschützt. Und zweitens, weil nicht nur der World Wildlife Fund (WWF) vermutet, dass die Absenkung lediglich ein Testlauf für viele andere missliebige Tiere sein könnte. Denn in Österreich zum Beispiel schießt man ja nicht nur auf den Wolf, sondern behördlich genehmigt auch auf Biber, Fischotter und Goldschakal – und das ohne jedes Recht.“
Welche Maßnahmen nach der Herabsetzung des Schutzstatus von „streng geschützt“ auf nur noch „geschützt“ nach Auffassung Kotrschals „regelkonform“ ablaufen müssten, erklärt Ilka Reinhardt, Co-Gründerin des LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland im sächsischen Spreewitz: „Der sogenannte günstige Erhaltungszustand wird häufig nur auf die Zahl der Wölfe in einer Region reduziert. Das kann dann dazu führen, dass eine Zahl willkürlich festgelegt wird. Beispiel Schweden: Hier wurde einfach beschlossen, dass 150 Wölfe einen günstigen Erhaltungszustand bedeuten würden. Das ist biologisch natürlich völliger Unsinn.“ An diesem Beispiel wird klar, wo die neue Frontlinie zwischen Artenschutz und Wissenschaft einerseits und einer Anti-Wolfspolitik andererseits nach der Reduzierung des Schutzstatus verlaufen wird: bei der Debatte um den „günstigen Erhaltungszustand“.
„Günstiger Erhaltungszustand“: ein komplexes Faktorenbündel
Hierzu weist Reinhardt darauf hin, dass für die Zustandsbewertung des günstigen Erhaltungszustands neben einer ausreichenden Populationsgröße, also der Anzahl an Wölfen in einer Region, die eine stabile und lebensfähige Population gewährleisten kann, noch weitere Faktoren erforderlich sind. So heißt es dazu beim Wildtierschutz Deutschland e.V., dass „die Vorgabe einer ausreichenden Anzahl an Wölfen übrigens auch beinhaltet, dass genügend Individuen für einen genetischen Austausch zur Verfügung stehen, um Inzucht zu vermeiden“.
Nahrungsressourcen und Rückzugsmöglichkeiten
Darüber hinaus aber müssen Wölfe „ausreichend Lebensraum mit ausreichend geeigneten Nahrungsressourcen sowie Rückzugsmöglichkeiten haben. Sie müssen sich innerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes frei bewegen und vermehren können, ohne durch menschliche Barrieren oder andere Faktoren eingeschränkt zu werden. Ferner muss die Population so beschaffen sein, dass sie auch zukünftig, unter verschiedenen Umweltbedingungen, lebensfähig ist und sich ohne menschliche Unterstützung erhalten kann. Letztlich wird in Deutschland ein günstiger Erhaltungszustand des Wolfes erst dann als erreicht angesehen, wenn diese Kriterien für alle Gebiete erfüllt sind, die als potenzieller Lebensraum für Wölfe in Frage kommen. Dies schließt auch Gebiete ein, die noch nicht vom Wolf besiedelt sind, aber prinzipiell als geeignet gelten.“
Eine mögliche Verbandsklage steht im Raum
Die vollständige Definition des günstigen Erhaltungszustands macht also deutlich, dass es bei weitem nicht nur um die Anzahl von Wolfsindividuen in einer Region geht. Reinhardt befürchtet jedoch, dass jeweils eine bestimmte Zahl von Wölfen definiert und damit ein günstiger Erhaltungszustand proklamiert wird, um dann sagen zu können: „‚Seht her, wir managen die Wolfspopulation jetzt auf diesem Niveau.“ Um das zu verhindern, so Reinhardt, könne lediglich eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof helfen. Diese könnte beispielsweise von Naturschutzverbänden erhoben werden. Allerdings sei eine Verbandsklage langwierig, aufwendig und kostspielig, bei allem aber die einzige Chance, die sich aus Sicht des Wolfsschutzes biete. Dazu erklärt Wildtierschutz Deutschland e.V.: „Im Rahmen einer anhängigen Klage vor dem EuGH wird derzeit die Rechtmäßigkeit der EU-Kommissionsentscheidung zur Herabstufung des Wolfsschutzes geprüft. Eine vorzeitige Anpassung des Bundesnaturschutzgesetzes, bevor diese Urteile ergangen sind, wäre nicht nur präventiv unsicher, sondern könnte sich später als unvereinbar mit dem EU-Recht erweisen. Die Bundesregierung sollte die gewährte Anpassungsfrist von 18 Monaten nutzen, um Rechtssicherheit abzuwarten.“
EU prüft nicht auf fachliche Richtigkeit
Zudem, so Ilka Reinhardt von LUPUS, kontrolliere die EU nur die Vollständigkeit der angegebenen Daten, die einen günstigen Erhaltungszustand erklärten, nicht aber ihre Korrektheit. Das habe die EU-Kommission selbst auf Anfrage des Nachrichtenmagazins Spiegel eingeräumt. Die Biologin: „Und das ist der Knackpunkt! Die EU hat gar nicht den Apparat, die Angaben auf fachliche Richtigkeit zu überprüfen.“ Letztlich will Reinhardt die Begründung der EU-Kommission, wonach der Wolf in Europa nicht nur eine Gefahr für die Nutztierhaltung, sondern auch eine potenzielle Gefahr für Menschen sei, nicht gelten lassen. „Das ist einfach nur absurd!“
Wolfsgegner fühlen sich bestätigt
Für Österreich bewertet Prof. Kotrschal die Folgen der Herabsetzung des Schutzstatus mit deutlichen Worten: „Wir haben neun verschiedene Jagdgesetze und bereits seit 2023 gibt es Erlasse von Bundesländern, mit denen der Wolfsabschuss erleichtert wird. Hier wurde praktisch vorgegriffen. Das ist nicht FFH-konform und auch nicht konform mit der Aarhus-Konvention.“ Die Aarhus-Konvention stärkt die Beteiligungsrechte der Zivilgesellschaft, wie die Staaten der europäischen Region im Juni 1998 definiert haben. Diese legt wichtige Rechte für eine Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger im Umweltschutz fest. die sich auf die drei Säulen Zugang zu Umweltinformationen, Öffentlichkeitsbeteiligung im Umweltschutz und Zugang zu Gerichten in Umweltangelegenheiten stützen. Der Wolfsexperte weiter: „Das aber ist den besagten Bundesländern Salzburg und Tirol völlig egal. Die Wolfsgegner fühlen sich bestätigt und die Länder beschließen demnächst mit an den Haaren herbeigezogenen Parametern, dass Wölfe prophylaktisch abzuschießen sind. Wenn also ein Wolf in der Nähe von Schafen auftaucht, die nicht mit Herdenschutzmaßnahmen geschützt werden, dann ist der Wolf tot. Das läuft hier völlig aus dem Ruder. Zudem wurde die Herabsetzung des Schutzstatus ohne wissenschaftliche Expertise beschlossen, sondern rein auf politischer Ebene, zumal der Beschluss in einem weit vom Naturschutz entfernten Ausschuss gefasst wurde.“
Deshalb hält auch Kotrschal eine Verbandsklage gegen die Herabsetzung des Schutzstatus für einen gangbaren Weg: „Mit Argumenten kann man heute häufig nicht mehr viel bewirken. Deshalb finde ich den Rechtsweg, wo immer möglich, aussichtsreicher. Die Behörden reagieren, wenn sie einen Prozess verlieren.“
